Ein Tattoo

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Ich wollte schon wieder ein Tattoo, aber mir wollte kein Motiv einfallen. Es sollte etwas sein, zu dem ich einen ganz persönlichen Bezug hatte, etwas, das mich entweder an etwas Spezielles erinnert, oder in irgendeiner Form reflektiert, was ich bin. Aber da war kein Motiv. Besonders habe ich auch nicht gesucht.

Tattoomagazine fand ich nicht so einladend. Wegen der Totenköpfe, wegen der vielen Tattoos, die so gar nicht meinem Geschmack entsprachen. Aber dann spielte eine Bekannte mit dem Gedanken, sich eine Graphik eines Calvinobuches tätowieren zu lassen. Ich sah mir die Covers an und da war es: das perfekte Motiv. So perfekt, dass ich nicht eine Minute zweifelte.

Es ist die Grafik auf dem Mondadori-Cover von Le Cosmicomiche. Ich habe das Buch vor vielen Jahren gelesen  (auf Deutsch) und fand es sehr schön. Auf dem Cover sind dreimal drei Kreise in drei Etagen übereinander, in denen jeweils drei Kugeln sind.

Ich stelle mir vor, das sind verschiedene Phasen des Lebens und die Kugeln sind meine Kinder. In jeder Phase werden sie anders herumgeschleudert, wie in einer Waschmaschine, oder wie in einem Glücksrad. Je nachdem, wie wir zusammen das Lebensgerüst ausbalancieren.

Ich weiß nicht genau, was die drei Phasen sein sollen, ob es schon vergangene Phasen sind oder auch zukünftige. Dass das Gerüst noch steht, stimmt mich zuversichtlich.

Es sind aber nicht nur Phasen im Leben meiner Kinder, sondern auch in meinem eigenen Leben. Jugend, Arbeit, Kinder. Oder Unbeschwertheit, Verantwortung, Glückssuche. Ich weiß auch das nicht. Und dann werde ich als Kugel herumgeschleudert. Oder rolle mich selbst akrobatisch und ein bisschen neckisch.

Das Schöne an dem Bild ist ja, dass es nicht etwas Festes, Vorgefertigtes bedeuten muss, sondern mich jedes Mal, wenn ich draufschaue, an etwas anderes erinnert.

Weil es die Covergrafik von Cosmicomics ist, stellt das Bild auch den Bezug zwischen Wissenschaft und Literatur her. Einen Bezug, den ich für mich auch gerne herstellen würde, weil ich Biochemikerin bin und auch gerne schreibe.

Ich las das Buch noch einmal, weil ich auch ein Zitat suchen wollte. Meine Lieblingsgeschichte ist „Tutto in un punto“ und mein Lieblingssatz daraus: „…le tagliatelle, ve‘ ragazzi!“ aber dieser Satz ist wohl nicht geeignet für ein Tattoo. Einen Satz fand ich noch: „Il rischio che abbiamo corso è stato vivere.“ Das ist ein schöner Satz – Das Risiko, das wir eingingen, war zu leben. Aber der Satz ist hier nicht zu Ende, der Nachsatz lautet „vivere sempre“ – für immer zu leben. Und das war mir zu beängstigend. Auch wenn ich es nicht hingeschrieben hätte, wüsste ich doch immer, dass es dazugehört.

So habe ich keinen Text tätowieren lassen. Ich stelle mir aber anstatt eines Textes einen winzigkleinen Punkt vor, einen Punkt, der so klein ist, dass das ganze Universum vor dem Urknall hineinpasst.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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23 Antworten zu Ein Tattoo

  1. Tom schreibt:

    Ein sehr schönes Tattoo, herzlichen Glückwunsch. Ein gutes Beispiel für ein Motiv mit Bedeutung, das trotzdem weder kitschig ist noch so von der Interpretation eingeengt, dass man sich in 2 Jahren schon längst davon wegentwickelt hat. Und ästhetisch ist es auch noch. So was suche ich jetzt schon länger (für mich)…

  2. Michaela schreibt:

    Hallo Karin,

    Sein Tattoo gefällt mir. Ist sehr originell und somit ein Unikat.
    Bekommt es noch etwas Farbe?
    Hast Du Dein neues Tattoo wirklich am Ellenbogen?
    Da siehst Du es ja gar nicht wirklich. Nur indirekt im Spiegel.

    Bin gespannt wie Dein Ohrprojekt weitergeht.
    Hast schon Pläne für weitere Ohrlöcher?
    Willst weiter dehnen oder bei andere Löchern starten?

    Michaela

  3. Anna schreibt:

    Das Tattoo sieht toll aus, gratuliere. Hast du weitere Tattoo-Pläne? Ich habe mir gestern – nach ziemlich einigen Piercings – mein erstes Tattoo stechen lassen (deutlich kleiner als deines) und bin ein bisschen angefixt, gerade Schenkel und Bauch würden mich interessieren. Wie schmerzhaft war die Stelle denn?

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Ich habe Tattoos auf der Hüfte und am Oberschenkel. Die haben ungefähr gleich wehgetan. Ich habe aber keine Vergleichsmöglichkeiten. Es war zum Aushalten, also halb so wild.

      • Anna schreibt:

        Ich hatte aus Furcht vor den Schmerzen bisher immer von einem Tattoo Abstand genommen und war dann ziemlich erstaunt, dass es dann doch halb so schlimm war. Viele Piercings empfand ich schmerzhafter.

  4. anja schreibt:

    hallo karin, ich wurde durch einen gemeinsamen bekannten auf deinen blog hingewiesen und bin so ziemlich begeistert von dem, was du hier machst. ich habe nun in den letzten tagen vieles von dir nachgelesen. weil ich letztens gerade damit zutun hatte: hast du an der goethe-uni zu tb und mykobakteriosen bei hiv dissertiert?

    lg anja

  5. Erika schreibt:

    Schön ist das Tattoo. Planst du noch weitere Tattoos? Und wie arg sind die Schmerzen? Ist das schlimmer als bei Piercings?

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Ja, vielleicht lasse ich mir noch eines machen, wenn ich ein Motiv finde, das zu mir passt. Die Schmerzen empfand ich als schlimmer als bei Piercings. Der Unterschied ist nach meinem Empfinden die Dauer. Bei einem Tattoo wie diesem hat man eineinhalb Stunden ständig Schmerzen, die weniger intensiv sind als der Stich beim Piercing, dafür ist der Piercingstich gleich vorbei. Aber ich fand es aushaltbar, man bekommt ja etwas Schönes dafür.

  6. Erika schreibt:

    Und die Stelle suchst du erst zum Ende aus?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe erst 2 Tattoos. Ich kann da keine allgemeingültige Vorgehensweise statuieren. Bisher war es so. Das nächste Mal könnte es schon anders sein, ich weiß es wirklich nicht.

      • Erika schreibt:

        Sorry wenn ich dir auf die Nerven gehen sollte. Ich bin von gestern etwas aufgedreht und wollte irgendwie den Schwung (blödes Bild) nutzen🙂

      • Karin Koller schreibt:

        Oh, nein, ich wollte nur erklären, wie es bei mir war. Wenn ich es schreibe, klingt es ganz normal gesagt. Wenn es wer anderer liest, klingt es dann genervt. Ich weiß auch nicht genau, warum das passiert. Nein, ich bin nicht genervt. Ich habe aber auch keine konzise Anleitung. Was hast du dir vorgestellt für dein Tattoo?

  7. Erika schreibt:

    Ich hätte gerne etwas großes, florales, buntes. Ich sah da mal eine Frau, die hatte seitlich und über den Bauch bunte Blumenranken um die Brüste und dazu gepiercte Nippel mit ziemlich dicken Goldringen. Das hat mir sehr gefallen (aber ich habe nicht einmal Nippelpiercings und würde mich dafür glaube ich auch zu sehr fürchten), aber ich fantasiere nur herum

    • Karin Koller schreibt:

      Diese Tattoos finde ich auch am schönsten. Ich habe leider so viele Muttermale, dass ich so etwas nicht machen kann. Wie suchst du aus?

      • Erika schreibt:

        Ich sehe diese TattooJournale, die es da gibt, durch. Mein Traum wäre – das habe ich vor einigen Wochen gesehen – ein Tattoo aus verschiedenfarbigen Lilien, das sich im Underboob-Bereich als halbe 8 unter die Brüste legt und dann beidseitig seitlich nach oben bis kurz vor der Achsel schwingt und dort abschließt, und in den Nippeln etwa 3,5mm dicke Goldringe horizontal und Goldstäbe vertikal. Kannst du dir das etwa vorstellen mit dieser Beschreibung?

      • Karin Koller schreibt:

        Ja, das schaut sehr super aus.

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