Hände

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Meine Hände mochte ich immer. Die sind auch die Körperteile, für die ich am meisten Komplimente bekommen habe. Für meine Augen auch, aber die eher damals von liebeshungrigen jungen Männern, die hofften, ich würde dahinschmelzen, wenn sie sagten, sie fänden meine Augen schön.

„Ich stelle mir vor, das sind die Hände einer Pianistin“, hat jemand gesagt. Das fand ich so schön, weil ich gänzlich unmusikalisch bin, aber gerne Klavierspielen könnte. Weil ich das nicht kann, wollte ich damals wenigstens so aussehen, als könnte ich es.

„Du könntest Handmodel werden“, hat eine Bekannte gesagt und erzählt, sie habe eine Freundin, die Handmodel ist. Die dürfe selbst am Meer nur mit Handschuhen sitzen, damit ihre Hände nicht zu gebräunt wurden. Und ständig aufpassen, dass sie sich nicht die geringste Verletzung zuzog. Kein Kratzer, kein blauer Fleck.

Ich stellte mir das so mondän vor. Überhaut das Modeldasein. Das habe ich mir schon erträumt, als ich jung war. Und den Nobelpreis. Für mich war das kein Widerspruch. Beides habe ich nicht erreicht. Das mit dem Modeln wusste ich schon, dass es außer Reichweite war. Aber Handmodel schien machbar.

Versucht habe ich es aber nie. Ich habe lieber davon geträumt. Hätte ich versucht, es wahrzumachen, hätte ich mich höchstwahrscheinlich mit den Scheitern auseinandersetzen müssen. Das wollte ich nicht.

„Deine Hände sind schön“, hat meine Mutter gesagt, „aber meine Hände sind sympathisch.“ Und: „Du hast die Hände deines Vaters.“

Sie wollte mir damit schmeicheln, dass ich etwas Schöneres hatte als sie. Mich hat es aber gekränkt. Im Zweifel wollte ich lieber sympathisch sein als schön. Und wie mein Vater wollte ich schon gar nicht sein. Der war eine hassenswerte Figur, das hatte ich schon als Kind begriffen, obwohl meine Mutter immer versuchte, mir zu zeigen, wie toll er auch war.

Er hatte meine Mutter verlassen, als sie schwanger war und sich nie um mich gekümmert. Ich habe ihn nie persönlich getroffen. Als Kind habe ich nie verstanden, warum mich mein eigener Vater nicht mag.

Für jedes Gute, das meine Mutter erzählte, kam auch etwas Schlechtes unterschwellig heraus: Er war musikalisch, hatte hunderte Konzertaufnahmen, konnte den Dirigenten aus eine Aufnahme heraushören – Er hatte Tonbänder, auf denen er Gespräche mit meiner Mutter aufzeichnete, um sie schlecht dastehen zu lassen. Er hatte eine tolle Allgemeinbildung –  Er schrieb andauernd Briefe ans Radio, um sich für Fehler zu beschweren. Er war sportlich und gesund und Vegetarier – Als er meiner schwangeren Mutter sagte, es sei aus, fraß er noch ihre Schinkenbrote auf, bevor er ging. Er könne so wunderbar mit Kindern umgehen, Kinder haben ihn geliebt – mit mir ging er gar nicht um.

Ich könnte die Liste noch fortsetzen. Insgeheim hatte ich immer Angst, ich könnte so werden wie er. Weil das in den Genen stecken musste. Seine Hände, die an meinen Armen hingen, waren doch ein Beweis dafür. Ich wollte seine Hände nicht.

Mit der Zeit habe ich mich abgefunden, habe auch gelernt, dass das mit den Genen nicht so ist, wie ich mir als Kind eingeredet habe. Dass vielleicht nicht einmal meine Hände denen meines Vaters gleichen.

Jetzt, da meine Hände nicht mehr die eines jungen Mädchens sind, jetzt sehen sie ohnehin mehr aus wie die Hände meiner Mutter.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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