Nase

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Sobald ich etwas greifen und zupfen konnte, als ich ein Baby war, zupfte ich die Elefantendecke, die meine Mutter mir gekauft hatte hervor und wickelte sie um meinen Kopf. Miene Mutter hatte Angst, ich könnte ersticken, und steckte die Decke in einen Bezug. Ich zupfte sie durch eine Öffnung zwischen den Knöpfen und wickelte sie mir um den Kopf. Meine Mutter nähte den Bezug zu, und ich schrie und schrie, bis sie den Bezug wieder entfernte und ich mir die Decke um den Kopf wickeln konnte.

So erzählt es meine Mutter. Auch später noch habe ich die Decke gehabt. Nicht nur gehabt, sondern zum Schlafen gebraucht. Bis ich erwachsen war (obwohl es etwas peinlich ist, das zuzugeben).

Ich habe die Decke aber nicht um den Kopf gewickelt, sondern an die Nase gehalten. Den Geruch der Decke fand ich beruhigend. Waschen durfte man die Decke fast nie. Am Ende war sie dann auch schon recht griffig. Dass ich sie vor dem Umzug nach Vorarlberg einfach in eine Wiener Mülltonne geworfen hatte, nagt noch heute an mir. Als wäre eine rituelle Bestattung die Alternative gewesen.

„Pass auf, dass du keinen Himmelfahrtsnase bekommst“, hat meine Mutter gesagt. Und eine zeitlang hatte ich auch wirklich Angst, beim Deckenschnüffeln in der Nacht könnte sich meine Nase aufbiegen wie eine Schischanze. Das wollte ich nicht. Deshalb hielt ich einige Wochen lang die Decke nur in die Nähe meiner Nase. Aber das funktionierte nicht so gut, wie tatsächlich daran zu schnüffeln, und ich schlief schlecht ein. Das gefiel mir nicht.

Also ließ ich jede Vorsicht fahren, redete mir ein, so auszusehen wie manche stupsnasigen Comicfiguren sei nicht der Untergang der Welt, und schnüffelte wieder an meiner Decke.

Dabei wollte ich gerne eine schöne Nase haben. Keine zu kleine, aber eine schmale, gerade Nase. Meine eigene Nase kam mir immer vor wie eine Kartoffel. Knollig. Eine Schulkollegin sagte immer „Knoller“ zu mir. Wegen meiner Nase und meines Namens.

Das hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich lernte, meine Nase schön, oder wenigstens akzeptabel zu finden. Das war zu einer Zeit, als die ersten Mitesser (was für ein abstoßender Name!) entstanden und daran herumdrückte, bis alles rot verkratzt und entzündet war.

Es gibt überhaupt so vieles, das sich verändert und Angst macht, wenn man Erwachsen wird. Das Meiste habe ich vergessen und ich erinnere mich erst wieder daran, wenn ich eigens darüber nachdenke. Sonst ist im Wesentlichen eine unbeschwerte Jugend übriggeblieben. Was ja auch so war. Die Ängste und Unsicherheiten sind zum Teil geblieben, zum Teil verschwunden, sie nahmen aber nie überhand.

Als ich überlegte, ob ich mir ein Nasenpiercing machen sollte, kamen sie wieder. Die schauen doch nur an schönen, geraden, schmalen Nasen schön aus, an meiner werden die lächerlich aussehen, dachte ich.

Aber ich wollte so ein Piercing, und irgendwann war es mir egal, dass meine Nase dafür nicht perfekt war. Ich ließ mir das Piercing machen und einige Zeit später noch ein zweites. Es sah nicht lächerlich aus. Für mich zumindest nicht. Und andere finden ja die absurdesten Sachen lächerlich oder unpassend oder hässlich. Darauf kann man doch nicht gehen.

Gerade das Piercing hat mich dazu gezwungen, mich mit meiner Nase mehr zu beschäftigen, sie genauer anzusehen. Da bin ich draufgekommen, dass an ihr nichts Außergewöhnliches ist, weder außergewöhnliche Schönheit noch außergewöhnliche Hässlichkeit.

Eine Nase eben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Nase

  1. Elke Standfuss schreibt:

    Hallo Karin, ich finde Deine Nase hübsch. Gruß aus Berlin von Elke

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