Kulturgeschichtliche Kleinigkeiten aus einem Bordell vor hundert Jahren

nell

In der Bibliothek fiel mir das Buch Memoiren aus dem Bordell von Nell Kimball zufällig in die Hände. Nell Kimball wurde 1854 auf einer Farm im Biblebelt geboren, arbeitete ab 1869 als Prostituierte in St. Louis und machte sich später als Madame in New Orleans selbständig. Zwischen 1917, als sie sich zu Ruhe setzte und 1930 schrieb sie ihre Memoiren. Die sind für mich nicht nur wegen der kulturgeschichtlichen Kleinigkeiten interessant, sondern auch wegen ihrer Ansichten zu Sex, dem Geschäftsleben, Männern und dem Leben allgemein, voller Einsichten und erstaunlich modern. Aber dafür müsst ihr das Buch selbst lesen.

  1. Cascararinde und Rhabarber sorgten für eine gute Verdauung. Verstopfung war eine Berufskrankheit der Prostituierten.
  2. Lippensalbe stelle man aus Benzoeharzpulver, Muskatöl, Orangenblütentee und Regenwasser her. Ein Hauttonic aus Benzoeharz und Whisky. Faltencreme aus weißem Wachs, Honig und Lilienzwiebelsaft. Puder aus Weizenstärke, pulverisierter Veilchenwurzel, Zitronenöl, Bergamottöl und Gewürznelkenöl.
  3. Im Laden am Land konnte man „Fischhäute“, Kondome aus Fischblasen kaufen.
  4. Am Land nannte man Tripper „kleines Casino“ und Syphilis „großes Casino“.
  5. Prediger, die detailliert über die Sünden der Fleischeslust sprachen, geilten die Dorfbewohner auf und es gab mehr Sex im Dorf, wenn Prediger zu Gast waren.
  6. Unterhosen zog Nell als Kind nur für Schule und Kirche an, sonst hatte sie ein Wollhemd bis zum Knie.
  7. Schuhe wurden mit Ofenschwärze geputzt.
  8. Im Winter wurde Apfelwein eingefroren und der Alkohol abgeschöpft. Es gab aber auch Brenner.
  9. Make-up war in ihrer Kindheit eine weiße Paste, die man auf Arme und Gesicht schmierte, darüber wurden kreisrunde Flecken Rouge auf die Wangen geschmiert (ihre Tante machte das, die Dorffrauen waren ungeschminkt).
  10. Ein Mann aus dem Dorf verlor im Bürgerkrieg die Hand, er erzählte, auf den Stumpen schmierte man eingeweichtes Brot und wickelte das Ganze in einen Lappen.
  11. Mit 15 Jahren fuhr Nell zum ersten Mal mit der Eisenbahn. Sie fürchtete sich sehr. Die Fahrt nach St. Louis dauerte eine Stunde.
  12. Erster Eindruck von St. Louis: Alles ist bunt, alles, was angestrichen werden kann, wird bunt angestrichen.
  13. Sie sagt: „Ich wusste damals noch nicht, dass Sex auf Leute, die in Panik sind oder erschrocken, wie Medizin wirkt.“ Sie ist zwei Jahre älter als Sigmund Freud.
  14. Unterhosen in der Stadt haben vorne und hinten einen Schlitz, damit man sie auf der Toilette nicht herunterlassen muss.
  15. In vornehmen Restaurants haben die Leute goldene Zahnstocher mit und benutzen sie ausgiebig.
  16. Zichorie im Kaffee gilt als „deutsche Art“.
  17. Im Bordell standen unter den Betten Nachttöpfe, in die Mädchen und Gäste pinkelten.
  18. Stadtverwaltung und Polizei wurden für Protektion bezahlt. Man gab das Schmiergeld einem Kassier, der es verteilte.
  19. 6 Freier pro Abend war der Durchschnitt in einem guten Haus. In einem billigen Puff konnten es auch 30 pro Abend sein.
  20. Ein Mädchen mit Periode arbeitete 3 Tage nicht und hatte Ausgang bis Mitternacht.
  21. „Eine Zwanzig-Dollar-Hure“ war eine Prostituierte in einem guten Freidenhaus.
  22. Die Drinks der „besseren Leute“ waren Toddys und Juleps.
  23. Rundliche Frauen waren gefragt. Nell sagt, durch Irene Castle änderte sich das und dünne Mädchen kamen in Mode. Irene Castle wurde um 1914 populär.
  24. Frauen trugen Korsetts. Für Frauen mit schmalen Hüften gab es Pölster aus gewebtem Pferdehaar, um den Hintern auszupolstern.
  25. Gegen ungewollte Schwangerschaften verwendeten die Mädchen Spülungen und Einsätze.
  26. Wenn eine Prostituierte doch schwanger wurde, kaufte sie im Drugstore eine „schwarze Pille“. Drei Tage lang nahm sie die Pille und machte heiße Bäder, das half angeblich in den meisten Fällen.
  27. Kam die Periode zu spät, sagte man „sie ist vom Dach gefallen“.
  28. 1870 wurden auch in einem Bordell die Achselhaare nicht rasiert. Später kamen rasierte Achseln in Mode. Diese Mode entstand in Bordellen und breitete sich auf die Gesellschaft aus (genau wie vorher die Mode des Unterhosentragens).
  29. Der Bordellbesitzer rasierten den Mädchen die Beine. Rasierklingen wurden weggesperrt wegen der Selbstmordgefahr.
  30. Der Begriff „Rotlicht“ kommt gemäß Nell daher, dass Bremser der Eisenbahn ihre roten Laternen an die Eingänge der Bordelle hingen, damit die Leute von der Eisenbahn sie finden konnten, wenn der Zug wieder abfuhr.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Kulturgeschichtliche Kleinigkeiten aus einem Bordell vor hundert Jahren

  1. julia schreibt:

    hast du eine ahnung, was für eine wirkung diese „scharze pille“ tatsächlich hatte?

  2. julia schreibt:

    ich habe das buch jetzt gelesen, danke nochmals für die empfehlung. ich fand auch die geschichte, als sie ohrlöcher gestochen bekommt, sehr interessant. dass die dir keine erwähnung wert war…

    • Karin Koller schreibt:

      Ich fand, die Geschichte selbst ist zwar interessant, aber keine kulturgeschichtliche Kleinigkeit. Und es ja noch etwas übrigbleiben, damit das Buch spannend bleibt.

  3. Pingback: Pensées: Kulturgechichtliche Kleinigkeiten aus dem Bordell | Karin Koller

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