Pensées: Ein Ausflug an die Küste Neapels

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  1. Als wir vor dem Museum stehen, ist der Bus gerade abgefahren. Wir gehen in die Stadt zurück. Mittlerweile bin ich etwas erschöpft. Auf dem Busplan sehe ich, dass in einigen Minuten eine Bustour der Küste Neapels entlang startet.
  2. Eine Stunde dauert die. Eine Stunde nur sitzen und schauen, das wäre genau das Richtige für mich jetzt.
  3. Mit Wasserflaschen ausgerüstet setzen wir uns in den Bus. Ich überlege, ob ich die Kopfhörer überhaupt aufsetzen soll, weil die rührseligen Klischees auf der anderen Fahrt nicht so interessant waren.
  4. Ich entscheide mich aber doch dafür.
  5. Wir fahren an einem Brunnen vorbei, der eigentlich recht unspektakulär ist. Er stellt Parthenope dar. Sie ist eine der Sirenen, die sangen, als Odysseus vorbeisegelte, erfahre ich aus dem Kopfhörer. Vor Kummer, dass sie Odysseus mit ihrem Gesang nicht verzaubern konnte, stürzte sie sich ins Meer. Wo ihr Körper an Land gespült wurde, gründete man die Stadt der Parthenope.
  6. Neapolitaner und auch die Fans von Napoli nennen sich bis heute „Partenopei“.
  7. Später, als die Stadt Parthenope zerstört wurde oder sich wirtschaftlich marginalisierte – da sind sich die alten Quellen nicht einig – baute man eine neue Stadt: Nea Polis.
  8. Dass Neapel Neustadt heißt, habe ich mir noch nie überlegt.
  9. Wir kommen ans Meer. Ein altes Herrschaftshaus steht direkt am Strand. Es ist leicht verfallen. Am Strand baden Menschen und im Hintergrund sieht man die Stadt und dahinter den Vesuv.
  10. Der sieht aus wie ein ganz normaler Berg. Wahrscheinlich schaut es nicht einmal besonders spektakulär aus, wenn er raucht.
  11. Aber fürchten würde ich mich dann sehr.
  12. Der Stadtteil, durch den wir fahren, heißt Posillipo. Das kommt von Pausilypon – Erhohlung von Schmerz. Dass es dafür ein Wort gibt, finde ich schön.
  13. Hier soll der Zyklop von Homer gelebt haben.
  14. Und Vergil. Das Grab von Vergil steht an der Spitze des Hügels. Wir fahren auf der Via Petrarca, auch der lebte hier.
  15. Auf jedem Schritt begegnet man in Neapel schönen Namen, Mythen, Geschichte.
  16. Im Kopfhörer wird ein neapolitanisches Lied gespielt, das von Sehnsucht und Liebe handelt. Der Ausblick ist schön, auf das blaue Meer, und die Stadt wird immer kleiner.
  17. Und genau da, wo ich in eine wohligen Kitschigkeit zu versinken drohe, fährt der Bus um eine Kurve und ich sehe auf die andere Seite des Hügels hinunter: Fabriken, Hochhäuser, dazwischen urban Wasteland. Ich stelle mir vor, hier könne Gomorrha spielen.
  18. Da sehe ich, ganz klein und in der Diesigkeit fast nicht erkennbar, das Stadion. San Paolo. Das drittgrößte Stadion Italiens. Im Stadtteil Fourigrotta. Wieder ein schöner Name.
  19. Jetzt habe ich das Gefühl, alles Wichtige von Neapel gesehen zu haben.
  20. Obwohl das natürlich nicht stimmt.
  21. Nie stimmen kann.
  22. Am Rückweg bleibt der Bus noch an einem besonders schönen Aussichtspunkt stehen.
  23. Zurück in der Stadt wollen wir noch eine richtige Pizza essen. Aber alle richtigen Pizzarestaurants machen frühestens um Sieben, eher um Acht auf.
  24. Also fahren wir zu Bahnhof. Diesmal schaffe ich das mit der U-Bahn. Obwohl ich immer noch keinen Ticketautomaten finde, sondern ein Einzelticket in einer Trafik kaufe.
  25. Am Bahnhof holen wir uns Pizza.
  26. Als wir mit dem Zug zurück nach Gaeta fahren, geht die Sonne unter, die Felder sind großteils abgeerntet. Ich sehe eine Büffelfarm und die Büffel liegen ganz in der Nähe der Schienen herum.
  27. Ich bin erschöpft. Aber jetzt weiß ich, warum man sagt: Neapel sehen und sterben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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