Pensées: Ein Ausflug in die Capella degli Scrovegni

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  1. Giotto kann man mir auf den Bauch binden, dachte ich, als ich 16 Jahre alt war und mit einer Kunstgeschichteführung durch die Uffizien geschleppt wurde. Giotto und Brunelleschi wurden in Florenz über alle Maßen gelobt. Ich sah das Besondere nicht.
  2. Aber damals interessierte ich mich für nichts.
  3. „Blau ist sie halt“, sagte eine Bekannte zu mir. Aber die war mit zwei brüllenden Kleinkindern in der Kapelle eingesperrt (ihren eigenen). Das schmälert den Kunstgenuss.
  4. Aber wir sind nun einmal in Padua, und da wäre es doch blöd, die Capella degli Scrovegni nicht anzusehen.
  5. Im Museum kaufe ich Tickets. Für die Kapelle muss man extra zahlen und eine bestimmte Zeit vorreservieren. Die Reservierung kostet einen Euro extra pro Ticket, obwohl man die Reservierung mit dem Ticket kaufen muss. Seltsame Verkaufspolitik.
  6. In einer halben Stunde dürfen wir uns die Kapelle ansehen. Davor laufe noch ein Film.
  7. Den sehen wir uns an und er ist interessant. Ich beginne mich auf die Kapelle zu freuen.
  8. Ein bisschen Zeit bleibt noch, wir gehen durch den Museumsgarten zur Kapelle und warten.
  9. Pünktlich werden wir in ein Glashaus eingelassen. Dort wird noch ein Film gezeigt. Alle müssen den ansehen. Das dauert 20 Minuten. Der Film ist ein Werbefilmchen und schlecht gemacht.
  10. Offenbar ist das Sitzen im klimatisierten Raum notwendig, damit das Mikroklima der Kapelle nicht gestört wird. Vielleicht damit unsere Schweißausdünstungen die Fresken nicht zerstören, oder unsere sich ablösenden Schuppen die Bilder nicht überdecken.
  11. Endlich dürfen wir in die Kapelle. Die Tür wird hinter uns geschlossen. 20 Minuten lang dürfen wir uns die Fresken ansehen. 20 Minuten lang darf niemand hinaus.
  12. „Das Blau ist so schön, du wirst nie wieder ein anderes Blau sehen wollen“, hat jemand gesagt.
  13. Das Blau ist schon schön, aber nicht so beeindruckend, wie ich es mir vorgestellt habe.
  14. Die Hölle finde ich viel interessanter. Überhaupt schaue ich mir gerne Höllendarstellungen an.
  15. Dieses Jüngste Gericht wurde 1304 gemalt. Nackte Sünder kriechen aus Felsspalten. In der Nähe werden Sünder in die Hölle geführt.
  16. Vor dem Eingang zur Hölle steht ein leeres Kreuz, vor dem ein Mitglied der Familie Scrovegni ein Modell der Kapelle präsentiert. Über dem Kreuz thront Jesus in einer Art von mehrschichtigen Blase.
  17. Aus dieser Blase strömt rechts unten das Höllenfeuer.
  18. Der Himmel wirkt eher langweilig: Viele Heilige und einige Mönche, Könige und Königinnen stehen herum. Einige Engel sind bewaffnet und sehen kriegerisch aus. Alle Mitglieder des Himmels sind in Gewänder gehüllt.
  19. In der Hölle sind alle Menschen nackt (bis auf einen Mann, der einen Sack hineinschleppt). Die Nackten sind an den Haaren, an der Zunge, am Penis und mit einer Spezialvorrichtung an der Vagina aufgehängt. Sie werden von Teufeln geröstet, geschlagen, zersägt, vergewaltigt. Zwei größere Monster verschlingen Sünder, ein kleineres Monster saugt am Penis eines Sünders, was dem zu gefallen scheint. Ein Sünder trägt eine Bischofsmütze, ein anderer die Kappe eines vornehmen Mannes.
  20. Der Inhalt des Bildes wirkt auf mich eindeutig sexuell, ich frage mich, warum das so dargestellt wurde, ob aus Abschreckung vor allem Sexuellen, oder zur schaurigen Belustigung.
  21. Die zentrale Figur der Hölle ist ein Teufel, der (wie in Bologna, Giottos Werk ist 100 Jahre älter) Sünder verschlingt und Sünder gebiert.
  22. Die Höllenszenen seien aus Dantes Göttlicher Komödie entlehnt. Dort wird Giotto auch in einem Vers erwähnt als aufstrebender Maler.
  23. Andere Bilder fallen mir wegen ihrer Friedlichkeit auf. Maria sieht immer gefasst aus, als wüsste sie schon, dass sie ihren Sohn zu Grabe tragen muss. Rührend zart nimmt sie das Baby in den Arm und hält den kleinen Jesus auf dem Esel.
  24. Ich sehe den Schmerz in den Augen der Mütter, deren Kinder in Betlehem ermordet werden.
  25. Als Jesus im Tempel betet, sieht er altklug aus und die Gelehrten fast ein bisschen neidisch.
  26. In einem Bild ist Jesus gerade dabei, einem Händler einen Faustschlag zu geben. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je einen gewalttätigen Jesus gesehen habe. Ein Kind mit Friedenstaube in der Hand fürchtet sich sogar vor ihm und versteckt sich im Mantel des Vaters.
  27. Man sieht, wie der Dämon in Judas fährt, den Judaskuss, wie sich Kaiphas vor Zorn das Gewand zerreißt, wie Jesus gequält und von einem Mann mit dunkler Hautfarbe geschlagen wird (der Mann sieht nicht sehr glücklich aus dabei, als hätte er nur einen Befehl auszuführen). Man sieht den Schmerz der Frauen und der Engel über den Tod Jesu, wie sich Jesus wegschleicht nach seiner Auferstehung, wie er in den Himmel auffährt.
  28. Es gibt auch zig kleine Details: Wie das ätherische Schweben der Engel dargestellt ist, indem ihre Gewänder ausfransen und ihre Füße fehlen (sie sehen aus wie kleine Raketen). Wie beim jüngsten Gericht ganz oben zwei Männer den Himmel aufrollen, als wollten sie ihn zusammenpacken. Wie Maria direkt nach der Geburt in die Nase gezwickt wird. Wie exakt die Menschen in ihrer Mimik und Gestik dargestellt werden. Und wie seltsam die Tiere. Wie komisch die Perspektive der Räume manchmal ist und wie Säulen des Raumes plötzlich durchsichtig werden, wenn sie sonst Menschen verdecken würden. Wie die Tugenden und die Laster dargestellt sind.
  29. Ich könnte stundenlang in der Kapelle verweilen. Das geht aber nicht, deshalb kaufe ich ein Buch  (daraus sind auch die Fotos hier).
  30. Auch wenn die Warterei, um in die Kapelle zu kommen, öd ist, zahlt es sich aus, hineinzugehen.
  31. Und: Ich werde kein schlechtes Wort mehr über Giotto sagen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Ein Ausflug in die Capella degli Scrovegni

  1. dasmanuel schreibt:

    Toller Bericht – diese Kapelle möchte ich mir jetzt auch ansehen!

    Das Höllenbild ist wahnsinnig äh schön … wenn man das so sagen kann. Sehr gewaltig, sehr beeindruckend. Mal sehen, ob es im Internetz eine komplette Ansicht gibt …

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