Schleier

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Schleier mag ich eigentlich nicht. Diese schwarzen Hutschleier, die halb die Augen der Witwe bei Beerdigungen bedecken. Diese weißen Schleier, die bei Hochzeiten zum Kuss gelüftet werden, als wäre die Braut ein Geschenk, das ausgepackt werden muss. Schleierkraut in Blumensträußen, das nichts anderes macht, als die Schönheit der Rosen zu mindern.

Aber dann gibt es auch noch Regenschleier, ganz nah oder mittendrin. Oder ganz weit weg, gesehen über ein Tal durch einen sonnigen Abschnitt. Dann wundere ich mich, wie es wohl dahinter aussehen mag. Oder mittendrin.

Und mir fällt ein, wie geheimnisvoll Schleier sein können. Wie sie Dinge durch das Verdecken interessant machen. Wie sie die Phantasie anregen. Wie sie die Erwartung auf deren Lüften steigern. Wie man zu wissen hofft, was sich dahinter verbirgt, sich aber auch vor der Enttäuschung des endgültigen Wissens fürchtet.

Schleier sind für mich eher Konzepte als Konstrukte aus Tüll. Mit solchen Schleiern zu spielen, macht mir Spaß.

 In dieser Schmuckkolumne stelle ich meinen Jugendstilschmuck noch einmal vor. Vor fünf Jahren war er der Star einer meiner ersten Schmuckkolumnen. Damals hatte ich keine gedehnten Ohrlöcher, deshalb konnte ich die Ohrringe anders tragen. Lange Zeit verschwanden die Ohrringe in einer Schatulle, ohne wirkliche Idee, wie ich sie neben Tunneln tragen könnte.

Aber jetzt habe ich zwei outer Conch-Piercings, und da hatte ich eine Idee: Ich trage die Ohrringe nicht klassisch im ersten Ohrloch, wie eigentlich vorgesehen, sondern eben im outer Conch.

Die Ohrringe bedecken die Ohrmuschel, hängen darüber hinaus, bimmeln leise beim Schwingen, ihre Blätter zeigen eine frühlingshafte Neckischkeit, obwohl es immer noch nicht richtig warm geworden ist.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Schleier

  1. Karin schreibt:

    Hallo Karin, ich wollte mich schon lange melden, hab es dann aber aus diversen Gründen immer wieder unterlassen. Ich finde deine Schmuckvariationen toll. Es ist ja doch erstaunlich und schön, was heuteschmuckmäßig problemlos „geht“. Ich bin in den 60er-Jahren geboren und hatte schon als Mädchen ein Faible für Ohrringe, durfte aber bis 16 oder 17 nicht einmal Ohrlöcher haben, weil das was „flittchenmäßiges“ war, wie mein Vater meinte. Auch noch Ende der 70er/Anfang der 80er wurde ich, wenn ich eh kleine Creolen (so 3cm oder so) getragen habe, als „Zigeunerin“ beschimpft. Als ich mir 1982 zweite und dann dritte Ohrlöcher zugelegt habe, da konnte ich mich damit noch als Avantgardistin und wilde Außenseiterin sehen, und mein Nasenring so etwa 1987 war so „arg“, dass meine Oma damals nicht wollte, dass ich mit ihr die Christmette besuche, weil sie nicht mit so einer „Punkerin“ gesehen werden wollte. Ist dir das – obwohl du ein Stückl jünger bist – auch so gegangen? Ich habe dann irgendwann in den 90er-Jahren irgendwie das Interesse und die Freude am Schmuck verloren, jetzt hast du mich aber wieder „angefixt“ und ich habe mir wieder „Statement-Ohrringe“ gekauft und auch Schmuck durch die längst zugewachsenen Nebenohrlöcher gedrückt. Fühlt sich echt gut an, wieder ein bissl jung und unbeschwert. (Sogar meinen sonst heiklen Kindern gefällt´s.) Vielleicht lass ich mir auch was piercen, was meinst du (und was empfiehlst du)?

    Liebe Grüße Karin

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe relativ spät angefangen, mehrere Ohrringe zu tragen und andere Piercings habe ich noch später machen lassen. Meine Oma lebte da schon nicht mehr, aber gerne wäre sie so mit mir wahrscheinlich nicht in die Kirche gegangen. Von meiner Mutter höre ich auch manchmal ein zaghaftes „jetzt ist aber genug“, bevor sie sich wieder gewöhnt. Ansonsten bekomme ich fast nie negative Reaktionen.
      Ich finde es schön, wenn du wieder anfängst, dich zu schmücken. Zu Empfehlungen: Sag mir, worauf du Lust hast, dann kann ich dich beraten.

  2. Karin schreibt:

    Oh, danke für die nette Antwort. Was hat dich denn erst „relativ spät“ auf den Geschmack gebracht?

    Ich finde ja, einZungenpiercing sieht sehr cool und geheimnisvoll aus, aber dafür bin ich wohl zu alt. Ein kleines Augenbrauenpiercing würde mir auch gefallen. Oder ein Septum. Jeder Tipp würde mich natürlich happy machen.

    • Karin Koller schreibt:

      Es begann mit Wetten, als ich ungefähr 23 war. das war schon Mitte der 90 Jahre. Das erste Piercing habe ich erst 1999 machen lassen, Bauchnabel war das.
      Ich finde nicht, dass man zu alt für ein Piercing sein kann. Zungenpiercing ist ja ohnehin eines jener Piercings, die man nicht so sieht. Septum finde ich auch sehr elegant, es ist aber ein bisschen schmerzhaft für den Anfang. Augenbraue habe ich selbst nicht, da kann ich dir nichts dazu sagen.

      • Karin schreibt:

        Was wäre denn dann deine Empfehlung fürn Anfang? Eher nix im Gesicht?

      • Karin schreibt:

        Ich habe jetzt einfach spontan ein Zungenpiercing und als Draufgabe noch ein Ohrmuschelpiercing machen lassen. Das Zungenpiercing hätte ich mir ein Stück ärger vorgestellt, ich kann sogar reden. Ich hoffe, das bleibt so. Es ist erstaunlich, aber ich fühle mich jetzt plötzlich ziemlich cool. (Bin gespannt, was die Familie am Abend dazu sagt.)

      • Karin Koller schreibt:

        Toll! Schön, dass du dich getraut hast. Erzählst du uns dann, was deine Familie gesagt hat?

  3. Karin schreibt:

    Mach ich gerne. Die Jüngste hat mich ziemlich angestaunt, aber in a good way.

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