Pensées: Ein Ausflug auf die Alm

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  1. Mit dem Jeep vom Onkel Franz sind wir auf die Alm gefahren, damals als ich ein Kind war. Oder wenn es geregnet hatte, sogar mit seinem Traktor. Da hatte der Jeep keine Chance, so schlecht war der Weg. Und manchmal blieb sogar der Traktor stecken.
  2. Auf der Alm durften meine Mutter und ich ein kleines Zimmer benutzen, mit Herd, ohne Strom, ohne Wasser. Das Wasser holten wir etwa 200 Meter entfernt bei einer Kuhtränke. Alle machten das so. Nur eine Hütte hatte ein Windrad, für ein Licht oder das Funkgerät. Manchmal war ich auch ohne meine Mutter mit der alten Tante auf der Alm.
  3. Jedes Jahr im Sommer findet ein Kirchtag auf der Alm statt. Die Grenze zwischen Italien und Österreich führt genau über die Alm, am Kirchtag gibt es Stände mit Wust und Stände mit Polenta. Als ich jung war, ging ich in der Früh hinauf zum Kirchtag und am Nachmittag wieder zurück.
  4. Aber das ist lange her. Sicher fünfundzwanzig Jahre.
  5. Lange Zeit habe ich davon geträumt, wieder einmal auf die Alm zu gehen. Aber 4 Stunden mit den Kindern hinauf und vier Stunden mit den Kindern hinunter, das erschien mir immer zu viel. Es alleine zu machen zu langweilig.
  6. Vor einem Jahr aber, da war ein besonderer Kirchtag, da erschien auch der Landwirtschaftsminister, ich weiß gar nicht, ob ein besonderer Anlass vorlag, oder ob der turnusmäßig alle Almfeste abklappert.
  7. Jedenfalls hat man den Weg für diesen Anlass so repariert, dass auch eine Ministerlimousine darauf fahren kann, ohne Schaden zu nehmen. Also schafft das auch ein Jahr später mein Auto, sagt mein Onkel, sagt auch der Nachbar. Aber die kennen ja alle nicht meine Autoangst und kannten den alten Weg, und gegen den wirkt bald einmal etwas gut hergerichtet.
  8. Aber ich wage es einfach. Meine Mutter hat den Schlüssel zum Weg, weil sie eine Waldparzelle dort hat. Wir fahren los und die Kinder fürchten sich, weil ich vorher wohl etwas zu demonstrativ erzählt habe, wie der Weg früher aussah. Zuerst bekommen wir die Schranke nicht auf.
  9. Ein Polizist fährt zu uns, sagt, das sei ein Privatweg, hört nicht auf meine Frage nach dem Mechanismus der Schranke, sagt, sei Kollege sei da oben irgendwo, und fährt wieder ab.
  10. Ein sehr surreales Erlebnis in der Einöde.
  11. Die Kinder malen sich Mord und Totschlag aus, die Reise wird immer spannender. Aber ich schaffe es bis hinauf, ohne ins Tal zurückzustürzen (was den Kindern als ein bisschen antiklimaktisch erscheint).
  12. Der Autoabstellplatz ist dort, wo wir früher Wasser geholt haben. Die Tränke ist auch noch da.
  13. Das Wasser auf der Alm ist das beste Wasser, das ich kenne. So kalt und so klar. Früher dachte ich immer, dass Wasser verschieden schmecken kann, ist ein Blödsinn. Ist es aber nicht.
  14. Wir gehen hinauf zu den Hütten. Die Hütte des Onkels ist gerade nicht bewohnt. Ich hatte sie anders in Erinnerung, größer, einladender.
  15. Fast alle Hütten haben Sonnenkollektoren. Ein Brunnen steht direkt bei den Hütten. Sonst sieht alles so aus, als hätte es keinen Fortschritt gegeben.
  16. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit.
  17. Ich sehe, welche Erinnerungen tatsächlich so gewesen sein könnten und welche nicht. Ich denke darüber nach, was ich auf der Alm gemacht habe – Pilze gesucht, mich beim Klogang um die Hütte herum nachts gefürchtet, mit einer Freundin heimlich Süßigkeiten gegessen, mich beim Beerensuchen verirrt, heimlich ein Edelweiß gepflückt und die ganze Woche ein schlechtes Gewissen gehabt, mich nur ganz kurz und wenig gewaschen, weil ich das bei der Tränke mit dem eiskalten Wasser machen musste, Fricka (geschmolzenen Käse) von der Tanke bekommen.
  18. Ich erzähle das alles den Kindern und die fragen mich, warum man irgendwohin gehen sollte, wo es so wenig Komfort gibt. Ich erkläre etwas von einfach leben, von sehen, wie man früher lebte. Sie verstehen mich nicht.
  19. Aber die Aussicht ist schön und ich gehe die Wege, die ich schon als Kind gegangen bin, finde die Wiese wieder, auf der meine Mutter und ich Picknicks gemacht und stundenlang Karten gespielt haben. Auf der ich Radschlagen übte. Ich komme auch an den Bunkern vorbei, in denen die Schafe hausten und in die ich mich niemals hineingetraut hätte.
  20. Die Wege kommen mir jetzt viel kürzer vor.
  21. Wir wandern etwa  drei Stunden, dann kommen wir zu den Hütten zurück. Meine Mutter und ich machen eine Pause. Die Kinder wollen hinunter zum Teich, in dem ich immer Molche (oder Lurche?) gefangen habe. Der Weg vom Teich zurück kam mir immer unendlich mühsam vor, weil er so steil war. Die Kinder rennen zweimal hinunter und wieder hinauf. Bei ersten Mal verschwinden sie im Wald und ich höre Anna schreien. Mir bleibt das Herz stehen, weil ich glaube, sie habe einen Bären gesehen. Meine Mutter lacht mich aus und sagt, ich solle lockerer sein und die Kinder ihre eigenen Erlebnisse haben lassen.
  22. Es ist kein Bär, nur eine Wespe.
  23. Aber Bären gibt es auf der Alm. Auf einem Schild sind sie beschrieben. Verhaltensregeln gibt es auch: Ruhe bewahren, auf sich aufmerksam machen, Abstand halten und das seltene Naturschauspiel genießen.
  24. Bären gab es in meiner Kindheit auch, aber niemand sah sie und niemand warnte vor ihnen, also hatten wir keine Angst.

 

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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