Dem Hunt sein ehemaliger Mathematiklehrer und das Aufwachen

Ein Gastbeitrag von J.H. Leigh Hunt

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Ich bin ja einer von denen, die meistens gut schlafen, kaum Blödsinn träumen, Albträume schon gar nicht. Ich bin auch einer von denen, die ihre Arbeit sehr gerne mögen, in meinem Fall ist das Lehrer. Und letztens haben sich diese beiden Umstände auf recht eigenartige Weise miteinander verwoben.

Ich habe nämlich vom damaligen Mathematiklehrer geträumt, von meinem. (Das Pronomen stell‘ ich nach, er fühlt sich nämlich nicht an wie ‚meiner‘, eher wie ‚der‘.) Er in einer der beiden Hauptrollen, als Lehrer, ich wenig überraschend in der anderen, als Schüler. Der Traum war die Schlussszene einer tatsächliche Begebenheit aus dem damaligen Unterricht, in meiner lässigen Klasse, alle Kumpels dort, Oberstufe, Ergebnisse der Mathematikhausübung vorlesen, Koordinaten, x- und y-Achse, von mir natürlich nicht gemacht. Was aber kein allzu großes Problem war, denn ich musste bei der unangenehmen „Wer hat die Hausübung nicht?“-Frage ja nur stillhalten, möglichst unauffällig bleiben und auf eine beliebige beschriebe Seite meines Mathematikhefts starren, in diesem Fall Schulübungsheft, weil Hausübungsheft irgendwo. Schon mehrmals gemacht, und zwar erfolgreich.

Also: „Wer hat die Hausübung nicht?“ Soll ich reinen Tisch machen? Na. Stille. Dann mein Name. Ich möge doch bitte das Ergebnis des ersten Beispiels vorlesen, sagt der Mathematiklehrer. Reiner Tisch? Hm. Ganz kurzes Abwägen meiner Optionen, es gewinnt die Option Stephan. Der sitzt nämlich links neben mir und hat sein Hausübungsheft offen vor sich liegen. Der Stephan, muss man wissen, der ist nämlich nicht nur besonders gut in Mathematik (er hat dann später irgendwas Technisches studiert, wo er das sicher gut brauchen konnte), er hat auch eine wunderbare große runde Füllfederschrift. Und die kann ich aus meinen Augenwinkeln aber sowas von locker lesen. Reiner Tisch? Pah. Gefasste Stimme: „Vier, fünf, neun, fünf.“

Keine Reaktion, von niemandem. „Was?“ raunt der Mathematiklehrer nach einer Ewigkeit. Ich wiederhole wie mir geheißen. „Zeig‘ mir Dein Heft.“ raunt er. Ich stutzig. Die reiner-Tisch-Option weit hinter mir, also trage ich ihm mein Heft mit der Schulübung von letzter Stunde nach vorne zum Katheder. Zeter und Mordio, unehrlich sei ich, Frechheit, Minus sowieso, meint der Mathematiklehrer.

Ich sei obendrein noch ein Dodel, meint der Stephan später in der Pause. Nicht ganz zu Unrecht, ein x- und ein y-Ergebnis hat nämlich aus zwei Zahlen zu bestehen, in diesem Fall nämlich (4,5 | 9,5). Es wäre sogar richtig gewesen, was der Stephan da gerechnet hatte, nur schauen seine Kommas halt so aus, wie Kommas in wunderbarer großer Füllfederschrift aus den Augenwinkeln heraus eben ausschauen.

Ich werde also wach, angespannt, gerade von meinem Weg zum Lehrertisch mit dem Schulübungsheft retour, und denke mir, noch immer angespannt, öha, der Mathematiklehrer, so auf einmal, frühmorgens.

Warum ich von dem träume, jetzt, wo das wohl gute zwanzig Jahre her sein müsste. Und da fällt mir, wach und angespannt, gleich noch eine Szene ein, Maturaklasse, Entscheidungsprüfung sagte man dazu, ich stehe vor der Klasse an der Tafel und kann nicht einmal die Anforderungen der Angabe anschreiben, von rechnen sowieso keine Spur, das erste Beispiel irgendwas mit Matrizen und im zweiten Beispiel sollte irgendwas anderes in Maximalgröße um eine Achse rotieren. Der Mathematiklehrer raunt nicht klassisch „Fünf, setzen!“, sondern blumig „Du hast ja keine Ahnung von Tuten und Blasen.“ Meint aber damit eh genau das mit Fünf und setzen und so. Meine Mitschüler (vielleicht auch die Mitschülerinnen, aber wir hätten uns nie getraut, darüber mit ihnen auch nur zu blödeln) finden das natürlich ziemlich lustig, obwohl keine Ahnung was das heißen sollte, aber in Vorinternetzeiten bleibt das einfach hihi.

Nun, ich kenne ähnliche Situationen ja mittlerweile auch zuhauf von der anderen Seite, man mag sie ruhig ‚die dunkle‘ nennen, wenn man über Lehrer/innen gern feixt. Meine Frage, ob eh alle die Hausübung gemacht haben und später draufkommen, dass sich jemand gegen die reiner-Tisch-Option entschieden hat. Prüfungen, die meine Schüler/innen entweder erfolgreich absolvieren oder eben nicht. Schularbeiten und Tests, wo rot die von mir gegebene Note drunter steht. Frühwarnungen, die ich austeile und die halt niemand gerne entgegennimmt, um sie von den Eltern unterschreiben zu lassen, schon gar nicht vor dem Wochenende, fortgehen und so. Gespräche, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, steinerne Miene, Tränen, Euphorie, Erleichterung, noch mehr Tränen, man kriegt als Lehrer/in ja regelmäßig die ganze Palette vorgesetzt.

Und dabei ist, wird mir frühmorgens bewusst, der Mathematiklehrer oft mit im Spiel. Als Folie nämlich. Wie mies sich der Rückweg zu meinem Platz mit dem Schulübungsheft in der Hand angefühlt hat, wie mies trotz allem Hihi die verhaute Prüfung und der Fleck im Halbjahr der Maturaklasse, wie mies der Blick unter die Schularbeit, wo die Note schon wieder aus zwei Wörtern bestand, und nein, „Sehr“ war keines der beiden, wie mies diese Verständigung an meine Eltern, dass meine Leistung nachgelassen hätte und sie zu einem Gespräch eingeladen seien, wie mies, dem Mathematiklehrer bei Belehrungen gegenüberzusitzen und sich aufs Nichtexplodieren konzentrieren zu müssen.

Vielleicht möchte ich als Lehrer oft schlicht nicht so sein, wie er als Lehrer war. Oder möchte so agieren, wie er es nicht gemacht hat. Vielleicht will ich manchmal das mitunter unumgängliche miese Anfühlen reduzieren. Es mag nicht immer gelingen, manchmal aber vielleicht schon. Nein, ich will dem Mathematiklehrer jetzt echt nicht dankbar sein deswegen. Aber er bewahrt vielleicht zumindest manche meiner Schüler/innen davor, frühmorgens angespannt aufzuwachen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Dem Hunt sein ehemaliger Mathematiklehrer und das Aufwachen

  1. Karin Koller schreibt:

    Danke für den Beitrag.
    Mich erinnern, wie es sich anfühlte, jung zu sein, finde ich auch als Mutter ganz wichtig. Manches kommt schon wieder, wenn ich mich bemühe. Diese vagen Erinnerungen aber tatsächlich dazu zu verwenden, mich ich meine Kinder hineinzuversetzen, sie in Ruhe zu lassen, wenn der erste Impuls Herumgezerter ist, fällt mir allerdings viel schwerer, als ich je für möglich gehalten habe.

    • jhleighhunt schreibt:

      Zetern geht eh immer. Zu versuchen, etwas aus der anderen Perspektive zu sehen, geht zwar nicht leicht von der Hand, kann aber wohl für Eltern wie auch Lehrer/innen ein Gewinn sein.

  2. Tommy schreibt:

    Über den Tonfall des Lehrers lässt sich natürlich trefflich streiten – und der Ton macht die Musik -, aber wie sollen Regelverstöße anders sanktioniert werden als durch Verweis und Strafe?

    • jhleighhunt schreibt:

      Selbstverständlich war der Mathematiklehrer im Recht und ich zudem a) ein Gfastsackl und b) mathematisch erschreckend unterbelichtet. Anstatt einen „Verweis“ zu erteilen (was ist das eigentlich genau?) ist’s mir jetzt allerdings viel, viel wichtiger, dass ein/e Schüler/in versteht und nachvollziehen kann, warum etwas — sei’s Leistung, sei’s Verhalten — eben ’nicht gepasst‘ hat. Und strafen? Nein.

      • Tommy schreibt:

        Aber Sie wussten in der Geschichte ja von vornherein, was „nicht gepasst“ hat. Was hätte Ihnen der Lehrer dazu noch erläutern sollen? Und soll so etwas nach Ihrer Meinung vollkommen konsequenzenlos für den Schüler bleiben?

      • jhleighhunt schreibt:

        Guten Morgen. Nein ’so etwas‘ — mein freches Verhalten und meine schwache Leistung — darf nicht ohne Konsequenz bleiben, doch in ein „er hätte sollen“ möchte ich mich gar nicht versteigen.

      • Tommy schreibt:

        Mich würde interessieren, wie Sie heute als Lehrer auf Ihr damaliges Verhalten reagieren würden.

      • jhleighhunt schreibt:

        Ich als mein eigener Lehrer? Das würde — wie wir aus „Zurück in die Zukunft“ ja wissen — zu einem Raum-Zeit-Paradoxon führen, das das Universum zerstören könnte…😉 Was ich als Lehrer überhaupt nicht mache, ist ein Bahöl, wenn ein/e Schüler/in einmal eine HÜ nicht hat. Ich schicke Schüler/innen nach einer vergurkten Prüfung auch nicht mit einem barschen Spruch zurück auf ihren Platz. Ich setze mich bes. im letztgenannten Fall in der Regel in Freistunden mit den Schüler/inne/n (und meist dem/der besten Freund/in, manchmal in meiner Sprechstunde auch mit den Eltern) zusammen, um zu besprechen, wo die Probleme lagen und wie diese (bis zur nächsten SA, bis Notenschluss, bis zur Wiederholungsprüfung) behoben werden können.

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