Pensées: Paolo Conte auf der Seebühne

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  1. Den ganzen Tag hat es geregnet. Ununterbrochen, in Strömen.
  2. Erst um 18h klart es auf. Meine Vorfreude, auf ein Open-Air Konzert zu gehen, ist endenwollend.
  3. Aber Paolo Conte spielt, auf der Seebühne. Wenn es regnet, würde er unter einem Dach sitzen und wir im Freien.
  4. Je näher wir nach Bregenz kommen, desto mehr verziehen sich die Wolken. Als wir ankommen, scheint die Sonne.
  5. Wir gehen gleich zu unseren Plätzen. Um uns herum trinken Menschen Spritzwein, Bier, oder Aperol Spritz aus Plastikbechern und Prosecco aus Plastiksektflöten.
  6. Viele haben Taschen dabei, mit Decken und anderen Überlebenszeugs für die Seebühne.
  7. Auf der Bühne ist ein Zelt mit Scheinwerfern aufgebaut. Dort ist auch etwas, das wie eine Bar oder eine Theke aussieht. Verkaufsstand ist es keiner, weil ja ein Wassergraben zwischen uns und der Bühne ist.
  8. Die Musiker betreten die Bühne. Es sind lauter Männer, etwa zehn. Alle tragen von der Ferne eher billig aussehende schwarze Anzüge und schwarze Fliegen dazu. Wie Kellner in einer abgetakelten Trattoria irgendwo in der italienischen Provinz.
  9. Ein alter Mann setzt sich ans Klavier. So habe ich Conte nicht in Erinnerung, denke ich, als die Musik zu spielen beginnt, und der echte Paolo Conte die Bühne betritt. Er trägt ein Poloshirt, ein knautschiges Sakko und eine Cordhose, die so weit ist, dass er darin zu verschwinden droht.
  10. Er nickt dem Publikum zu, stellt sich vor das Mikrofon, schwingt die Arme, als würde er dirigieren und beginnt zu singen.
  11. Bei einigen Songs stellt er sich so hin, bewegt die Arme in einer Mischung aus Tanz und Dirigieren, wie ein Pinguin, der versucht zu fliegen, aber ironisch, weil er weiß, dass das nicht geht, dem es aber auch egal ist.
  12. Man merkt, dass Paolo Conte schon alt ist, aber seine Stimme ist immer noch so schön, auch wenn sie ein bisschen kratzt, oder wahrscheinlich eher deswegen. Italienisch und Französisch und Englisch singt er, manchmal durcheinander, manchmal summt er.
  13. Jeder seiner Musiker hat mehrere Instrumente. Gitarren, eine Geige, kleine und große Saxophone, eine Klarinette, ein Fagott, Percussion, große und kleine Ziehharmonikas, ein Kontrabass. Ein Instrument, das wie eine klobige, zu groß geratene Gitarre, oder wie eine gitarrenförmige Babybadewanne aussieht.
  14. Durch einen Torbogen der Kulisse von Turandot sehe ich auf den See hinaus. Drei Surfbrettruderer stehen auf ihren Brettern und hören der Musik zu.
  15. Die Sonne senkt sich, der Himmel und der See werden golden und dann orange und dann pink und dann wieder golden. Es wird langsam dunkel. Die Lichter in Lindau leuchten über den See. Die Stimmung passt genau zu Contes Musik – ruhig, nachdenklich, in die Ferne schweifend.
  16. Nach jedem Song sagt Conte den Namen eines Musikers. Sonst sagt er nichts. Das finde ich ein bisschen schade. Gerade die kleinen Erzählungen unterscheiden doch Konzerte von Schallplatten.
  17. Conte bietet als Showeinlage nur das umständliche Anziehen eines Pullovers, während seine Musiker Soli spielen. Das Publikum klatscht begeistert.
  18. Im letzten Song spielt der Akkordeonist ein Solo. So gespielt finde ich das Akkordeon das schönste Instrument überhaupt.
  19. Das Publikum klatscht und brüllt und jubelt. Die Frau hinter mir schreit ekstatisch: „Pa-olo, bravissimo!“, als käme sie direkt aus der Serie Monaco-Franze.
  20. Eine Zugabe gibt es noch, dann ist das Konzert aus. In den Jubel hinein kommen die Musiker und stecken ihre Instrumente aus.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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