Pensées: Ein Ausflug nach Gmünd

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  1. In Gmünd haben wir geheiratet. Nach Gmünd kommt man auch am Rückweg vom Maltatal. Im Hotel habe ich ein Leaflet einer Ausstellung über Dürer gesehen.
  2. Nachdem die Wanderung in den Malteiner Wasserspielen nur kurz war, beschließen wir, nach Gmünd zu fahren und die Dürerausstellung im Stadtturm anzusehen.
  3. Gmünd rühmt sich als Künstlerstadt. An jeder Ecke ist ein Atelier oder hängen Kunstwerke von Wänden und Torbögen herab. Das meiste davon ist dekorative Kunst, einiges kitschig. Aber es sieht nett aus.
  4. Im Museum bekommen wir Lupen, die wir an Schnüren um den Hals hängen können. Die Ausstellung wird in drei Stockwerken gezeigt.
  5. Im untersten Stockwerk wird einiges über Dürers Leben und seine Zeit erklärt. Viele Reproduktionen hängen hier. Manche eher uninspiriert, wie die Mona Lisa, andere recht interessant: Die Bibel in 41 Bildern gemalt, eine Anleitung zum Perspektivenmalen mittels mathematischem Gerät, Landkarten, ein Kupferstich zur Entdeckung Amerikas mit Janus, Flora und Oceanus, ein Bild der Stadt Nürnberg mit Galgen vor der Stadtmauer, die Darstellung einer Druckerpresse.
  6. Im zweiten Stock hängen Reproduktionen von Dürers Kupferstichen. Fast jedes Bild hat eine ausführliche Tafel, auf der die Entstehungsgeschichte, die Ikonographie und interessante Details  des Bildes beschrieben sind.
  7. Bei Der „Versuchung des Müßiggängers“ wird aufmerksam gemacht auf den Teufel, der dem Schlafenden ins Ohr bläst. Auf das Engelchen, das versucht, auf Stelzen zu gehen. Auf die Frau, die schön ist und nichts Hexenhaftes an sich hat. Auf den verschrumpelten Apfel am Kaminsims, der als Einziges von dem Traum übrigbleiben wird.
  8. Beim heiligen Antonius vor der Stadt wird auf die nervösen Zehen hingewiesen, auf den abgelegten Wanderhut. Die Darstellung eines lesenden Antonius sei sehr selten, auch dass ihm Löwe, Schwein oder Teufel nicht zur Seite gestellt sind. Die Stadt sei zusammengesetzt aus Teilen von Trento, Innsbruck und Nürnberg.
  9. Bei Melencolia I werden Werkzeuge und Messgeräte beschrieben. Die Fledermaus im Hintergrund hätte ich ohne die Beschreibung gar nicht wahrgenommen. Melancholie wurde im Mittelalter mit Müßiggang, der eine Sünde war, gleichgesetzt, zu Dürers Zeiten galt sie aber als schöpferische Kraft.
  10. Bei der Auslegung von Ritter, Tod und Teufel, so die Tafel, scheiden sich die Geister: Während die einen darin den idealen Ritter sehen, sehen die anderen die Strafe für Raubritter. Jedes Detail ist ein Symbol, das heute schwer entschlüsselbar ist. Selbst wenn man keine Entschlüsselung unternehmen kann oder will, sind die vielen Details interessant. Je länger ich schaue, desto mehr entdecke ich.
  11. Die Tafeln laden zum Schauen ein. Sie lassen mich Dinge erkennen, die ich sonst übersehen hätte. Sie lassen mich eine Faszination für Werke entwickeln, an denen ich sonst nur schnell vorbeigegangen wäre.
  12. Im obersten Stock des Turms sind die Originale ausgestellt. Zum Teil sind es die gleichen Kupferstiche, die als Reproduktionen im zweiten Stock ausgestellt sind.
  13. Mich überrascht, wie klein die Bilder sind. Einige biblische Szenen sind auch dabei. Meine Faszination für Dürer wächst.
  14. Ich habe mich lange bei den Tafeln aufgehalten. Die Kinder sind schon fertig mit den Originalen. Ich würde gerne noch länger verweilen, aber ich möchte sie nicht überstrapazieren.
  15. Beim Ausgang ist eine Magnettafel aufgehängt, bei der sich die Kinder ihre eigenen Dürermonster zusammenstellen können. Ich möchte mir ein Beibuch zur Ausstellung kaufen, aber es gibt leider keines.
  16. Vor der Tafel versuche ich herauszufinden, von welchen Bildern die Monsterteile stammen. Aber es gelingt nicht bei allen.
  17. Draußen kaufen wir Eis. Ich schaue noch in die Kirche. Alte Fresken, zum Teil verwittert sind an deren Außenmauer. Innen gibt es keine alten Fresken. Ich wundere mich oft in alten Kirchen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Zuständigen sagten: So und jetzt übermalen wir den alten Kram. Eine weiße Wand ist doch etwas viel Schöneres.
  18. Zum Glück hat man die Dürerwerke aufgehoben. Es scheint so selbstverständlich. So selbstverständlich ist es allerdings nicht.

 

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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