Pensées: Ein Ausflug nach Duino

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  1. Von der Isonzomündung fahren wir weiter nach Duino.
  2. Ich habe diesen Ausflug zum Geburtstag geschenkt bekommen, zusammen mit den Duineser Elegien von Rilke. Zur Einstimmung.
  3. Und einstimmen wollte ich mich auch. Von Rilke kannte ich nur den Panther und Herbsttag und freute mich schon auf stimmungsvolle Gedichte.
  4. Ich verstand kein Wort.
  5. Also, die einzelnen Worte schon. Aber ab fünf aufeinanderfolgenden Worten stieg ich aus.
  6. Ich kam mir vor wie eine Analphabetin, die in den Fiebertraum eines Fremden geschleudert wurde.
  7. Aber jetzt fahren wir nach Duino, die Sonne scheint und nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas so düster sein könnte wie bei Rilke.
  8. Das Schloss gehört der Familie Thurn und Taxis, die in Italien Torre e Tasso heißt. Es liegt auf einem Felsen am Rande des Karsts.
  9. Karst ist für mich so ein geheimnisvolles Wort, es klingt nach Kargheit und Rauheit. Und nach gutem Wein. Malvasier aus dem Carso ist mein Lieblingswein – klar, etwas herb, nichts Überflüssiges.
  10. Der Name Karst kommt aus dieser Gegend, alle anderen Karstgebiete auf der Welt haben ähnliche geologische Eigenschaften, aber dieser Karst war namensgebend.
  11. Der Ausblick von Schloss ist wunderschön – auf das Meer, auf Felsen, auf eine Ruine, der Küste entlang, ich bilde mir ein, ganz in der Ferne Miramare zu sehen.
  12. Und damit man nicht überschnappt vor Schönheit, kann man auch auf ein Industriegebiet schauen, wenn man sich ein bisschen hinauslehnt.
  13. Vor dem Eingang zum Schloss hängt ein Schild, gemäß dem nicht nur die üblichen Dinge verboten sind, sondern auch Spucken und Kaugummikauen (oder Bubblegumblasen machen, je nachdem wie man das Zeichen interpretiert).
  14. Im Schloss sind persönliche Dinge der SchlossbesitzerInnen ausgestellt. Ein Puppenhaus, das so schön eingerichtet ist, dass Katharina sagt: „Nicht einmal der Papa von A. hat das so schön gemacht.“ Und der Papa von A. hat das schönste Puppenhaus gebaut, das ich je neu gesehen habe. Das Puppenhaus im Schloss war ein Geschenk der Prinzessin Eugenie von Dänemark und Griechenland.
  15. Fotos, Totenschädel, Marmoreier, Musikinstrumente. Ein Spinett wird gerade repariert. Der Restaurator lässt eine Besucherin darauf spielen.
  16. Viele Ausstellungsstücke haben mit Frankreich zu tun. Ich weiß nicht genau warum. Insgesamt wirken die Schaukästen so, als hätte jemand alte Koffer mit Erinnerungsstücken gefunden und diese wahllos in Kästen geräumt.
  17. Ich zumindest finde keinen roten Faden. Das Wort Kramuri fällt mir ein. Aber in Kramuris finde ich immer auch Interessantes, und deshalb macht mir diese erzählerische Unordnung nichts aus.
  18. Ein Speisesaal ist mit einem gedeckten Tisch für acht Personen ausgestellt. Neben dem Tisch steht eine Kleiderpuppe mit Bedienstetenlivree. Und noch sonderbarer: ein Paravent mit Papageien, die auf einen toten Vogel herabsehen.
  19. Wer will so etwas beim Essen sehen?, denke ich mir und dann fallen mir die Gemälde an der Wand auf: Ein toter Hase, der an den Beinen aufgehängt neben einem toten Singvogel zu liegen kommt. Ein Vogel, der wie ein Dodo aussieht und gerade über am Boden drapierte Feigen und Melonen steigt. Ein Hase, dessen Bauchhöhle aufgespreizt ist (die Innereien sind entfernt) und auf toten Vögeln liegt. Ein totes Reh, das zwischen Gurken und Muscheln liegt, während ein Hahn darauf zurennt. Drei lebende Hasen, die zwischen Artischocken, Preiselbeeren, Spargeln und toten Fischen herumhoppeln. Lebende Enten und Tauben auf Pilzen und Kohl. Auf dem Boden drapierte tote Fische und Schnecken.
  20. Mir wäre dieses Ambiente nicht besonders appetitanregend. Ich finde aber die Ikonographie sehr interessant und wüsste gerne mehr über die Umstände dieser Bilder.
  21. Eine Sonderausstellung beschäftigt sich mit dem ersten Weltkrieg. Sie basiert auf Schautafeln, nicht auf Ausstellungsstücken.
  22. Vom Dach des Schlosses hat man noch einmal einen schönen Ausblick. Blumen wachsen in den Mauerspalten.
  23. Es gibt hier auch einen Bunker, aber den schauen wir uns nicht an.
  24. Wir verlassen das Schloss und gehen ein Stück den Rilkeweg entlang. Dann ziehen wir uns diskret im Auto die Badesachen an und fahren nach Sistiana.
  25. Es ist Sonntag und am Strand kann man kaum stehen, so viele Leute sind ans Meer gekommen. Wir plantschen ein bisschen herum, dann fahren wir weiter.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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