Pensées: ein Ausflug zum Predilpass auf dem Weg des Friedens

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  1. Wir stehen schon um sieben Uhr auf. Gleich nach dem Anziehen packen wir unsere Rucksäcke und fahren zur Bäckerei. Alle dürfen sich ihr Lieblingsfrühstück aussuchen und dann geht es los.
  2. Wir fahren durch Tarvis und auf den Predilpass.
  3. Dort ist ein Aussichtsplatz mit Bank und während die Sonne so richtig aufgeht, essen wir unser Frühstück. Die Berge liegen noch leicht im Dunst. Es ist noch ein bisschen kühl, aber die Sonnenstrahlen wärmen gerade genug.
  4. Nach dem Frühstück fahren wir weiter zum Fort Predil. Dort leisteten österreichische Soldaten 1809 napoleonischen Soldaten Widerstand. Drei Tage lang. Dann brannte das Fort, die österreichischen Soldaten flohen, fast alle starben. Ein Heldendenkmal mit einem sterbenden Löwen erinnert daran.
  5. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird deutlich. Drei Tage, fast alle tot. Was geschehen wäre, wenn die napoleonischen Truppen drei Tage früher weitergekommen wären, wird nicht gesagt. „Gefallen für Kaiser und Reich“ steht auf dem Gemeinschaftsgrab der Soldaten.
  6. Wir gehen zum Fort. Man erkennt noch die Räume, aber Vieles ist verfallen, Büsche und Blumen wachsen zwischen den Mauern. Die Kinder klettern auf den Mauern herum.
  7. Wir sind in Slowenien und kommen durch den Ort Strmec na Predelu. Alle Männer dieses Dorfes wurden 1943 von der SS ermordet, weil Partisanen den Zug im nahegelegenen Bergwerk unbrauchbar machten. Es soll ein Denkmal am Straßenrand geben, aber wir finden es nicht.
  8. Ein paar Kilometer weiter befindet sich das Bergwerk im Rabelj. Schon in der Römerzeit wurde hier Erz (Blei, Zink) abgebaut. Noch im 20. Jahrhundert gingen Männer zu Fuß von unserem Dorf aus hier zur Arbeit. Über zwei Berge mussten sie gehen.
  9. Im 19. Jahrhundert wurde dort in jeder Familie einem Kind ermöglicht, die Schule zu besuchen.
  10. Nach dem ersten Weltkrieg wurden Gedenktafeln „zu Ehren der lebenden und gefallenen Helden aus Log“ aufgestellt. Eine Ehrung der lebenden Soldaten ist mir bisher auch noch nicht untergekommen.
  11. Ein Tunnel führt bis nach Tarvis. Es gab seit 1909 einen Zug in dem Tunnel, mit dem die Bergarbeiter aus der Gegend auch zur Arbeit kamen. Anfangs entgleiste dieser Zug oft und die Arbeiter mussten bis zum Knie im Wasser stehend den Zug wieder auf die Schienen heben. Dieser Zug war bis zum Bau der Straße auch die Hauptversorgungslinie für hier stationierte österreichische Soldaten im ersten Weltkrieg.
  12. In 80 Jahren verunglückten hier 34 slowenische Bergmänner. Das und noch einiges mehr erfahre ich von den Tafeln, die vor dem Kaiser Franz Joseph I. Hilfsstollen aufgestellt sind.
  13. Wir fahren weiter nach Kluže zum Fort Hermann. Ein Wanderweg führt zu einem Tunnel. Und in dem Tunnel sind kleine Kämmerchen und Ausgucke. Die Kinder wollen alle Kämmerchen erkunden und laufen voraus. Plötzlich höre ich einen gellenden Schrei, mir bleibt fast das Herz stehen und ich habe Sorge, taub geworden zu sein.
  14. Aber es ist nur eine Spinne im hintersten Kämmerchen, wo es besonders dunkel ist.
  15. Der Wanderweg führt auf einen Berg, aber wir drehen gleich nach dem Tunnel um und gehen über die Straße zum Fort. Von einer Brücke aus sieht man auf die tiefste Schlucht Sloweniens. 60 Meter tief ist die und mir wird beim Hinunterschauen schwindlig.
  16. Vor dem Fort steht ein schneckenartiges Monument auf dem steht auf Slowenisch: Hier ist es, wo Verwüstungen angerichtet wurden – hier tat es weh, hier fielen sie nieder – hier donnerte es – hier wurden sie von uns genährt – hierher wurden sie von uns geführt – hier töteten sie uns – hier vergewaltigten sie unsere Frauen – hier erklang die Armeetrommel – hier fielen sie nachts in eine Grube – hier endete der Krieg – hier soll von jetzt an Frieden herrschen.
  17. Das Denkmal wurde 2007 zum 210. Jahrestag der Schlacht von 1797 gegen die Franzosen aufgestellt. Es ist ein seltsamer Text. Er zeigt in wenigen Worten, was Krieg ist. Und er tut so, als wäre danach nicht noch oft Krieg gewesen, Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
  18. Das Museum im Fort schauen wir nicht an, wir fahren zum nahegelegenen Soldatenfriedhof. 546 gefallene österreichisch ungarische Soldaten sind hier begraben. Eine Gedenktafel weist darauf hin, die Schlacht 1917 hier sei „der letzte Sieg der alten K. u. K. Armee“ gewesen.
  19. Es klingt so, als wäre das etwas Gutes. Als wären alle Toten Helden. Als wäre der Krieg notwendig.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: ein Ausflug zum Predilpass auf dem Weg des Friedens

  1. hns schreibt:

    Ich hätte ja noch einen Besuch in der Trattoria da Giusi in Malborghetto empfohlen. Alte Kanaltaler Küche, teilweise nach Rezepten aus der napoleonischen Zeit. Vor allem aber sehr nett und gut.

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