Elena Ferrante: Die neapolitanischen Romane

Ferrante

Elena Ferrantes neapolitanische Romane zu lesen, ist für mich wie Eintauchen. In eine warme Badewanne. In das Meer an einem heißen Tag. Oder mitunter auch an einem kalten. In ein Schlammbad. Es ist ein Eintauchen, das nicht immer angenehm ist, das einen seltsamen Sog hat. Ein Eintauchen in ein mir unbekanntes Neapel, in die Geschichte von Elena und Lila, in die Sprache, in die Gedanken. Ich wollte nicht mehr auftauchen, ich wollte immer weiterlesen. Gegen Ende des vierten Bandes hatte ich kurzzeitig Sorge, ob ein Auftauchen überhaupt noch möglich ist. Ohne Schaden für mich. So intensiv empfand ich das Lesen der Bücher, auch so verstörend.

Die Romane erzählen die Geschichte von Elena und Lila, die gemeinsam in ärmlichen Verhältnissen in Neapel aufwachsen. Die Schilderungen kleiner Alltagsszenen und großer Katastrophen, die sich im Laufe der Jahre ereignen (die Serie beginnt mit der Kindheit der Protagonistinnen in den Fünfzigerjahren und endet in der Gegenwart), werfen scheinbar im Vorbeigehen große Fragen auf:

Wie unterscheiden sich Gewaltstrukturen zwischen Männern von jenen innerhalb der Familie, und diese wieder von jenen unter Frauen? Die Schilderungen der Gewalt kommen mir zunächst sehr fremd vor (Neapel eben, weit weg), dann aber erinnere ich mich an die Erzählungen meiner Mutter von ihrer Kindheit in Kärnten, und hier kommt ähnliche Gewalt vor, wird genauso wenig hinterfragt, weil sie einfach normal ist.

Oder: Wie beeinflusst eine vulgäre und gewaltvolle Sprache für Sex das Empfinden der eigenen Sexualität? Wie könnte man sich jemanden wirklich anvertrauen mit dieser Sprache? Wie beeinflussen der Sprachklang, der Dialekt, die Wortwahl das Denken und Handeln?

Inwieweit muss das anzustrebende Glück einer Frau gleich sein, wie Glück, das Männer für sich definieren? Inwieweit ist das Denken der modernen Gesellschaft noch vom Mythos der Erschaffung der Frau aus der Rippe eines Mannes bestimmt (Elena schreibt ein Buch mit dieser Theorie und erklärt diese sehr anschaulich)?

Oder die Frage, die mich besonders betrifft: Wie sehr kann sich eine feministisch denkende, gebildete Frau (auch bis heute noch) von den vorherrschenden sozialen Strukturen lösen und ihre Eigenständigkeit wahren, ihr Glück finden?

Diese Fragen stellen sich mir während der Erzählung, sie drängen sich auf, werden in manchen Szenen erörtert, lassen mich in anderen ratlos zurück. Nachdenklich. Vor allem über mich selbst. Wäre ich lieber Elena oder lieber Lila? (Lila, definitiv, obwohl ich viel mehr von Elena in mir finde, viel mehr als mir lieb ist). Wie hätte ich an ihrer Stelle entschieden, was hätte ich hingenommen, wann hätte ich gekämpft, wo wäre ich verzweifelt?

Die Romane erzählen von Elenas und Lilas Erfolgen und von ihrem Scheitern. Ihre Leben oszillieren. Fast immer, wenn Elena erfolgreich ist, geht es Lila schlecht. Und wenn Lila Glück hat, hat Elena Pech.

Die Geschichte ist nicht eine Geschichte einer Freundschaft, auch nicht eine der Erinnerung, dazu ist die Handlung zu konstruiert, sind Bedeutungen und Anspielungen zu schwerwiegend. Es ist eine Geschichte der Möglichkeiten. Variationen dessen, was hätte sein können.

Für mich verschwimmen Elena und Lila zu einer Person, die von einem einzigen Ausgangspunkt durch Unverständnis der Eltern, durch eigene Entscheidungen, durch Zufälle, durch politische oder persönliche Ereignisse in verschiedene Lebenssituationen gerät. Die Oszillation der Lebensläufe machen ein bisschen Hoffnung, dass Leben sich mit den richtigen Entscheidungen ändern können, egal wie aussichtlos die Situation ist. Sie zeigen auch, wie schnell ein gutes Leben wieder zerstört wird.

Aber genau hier liegt auch der Teil, der mir am wenigsten gefällt: es gibt kein Glück, es scheint sogar, als könne es kein Glück geben, als wäre eben in Adams Rippe nie ein Glück für Frauen gewesen. Es ist weniger die Tatsache, dass Ferrante es so darstellt. Es ist eher die Tradition von Tolstoi und Flaubert, in die sich Ferrante begibt, die ich ihr ein bisschen übelnehme. Elena (Lila weniger) erinnern mich an Anna Karenina und Madame Bovary, die ebenfalls unfähig sind, ihr Glück zu finden, selbst wenn sie es könnten, selbst wenn sie es gut haben. Ich mag Karenina, ich finde mehr von mir selbst in ihr, als mir lieb ist. Ich hätte aber gerne gehabt, dass ein derart reflektierter feministischer Roman, der über so viele große und kleine Dinge des Frauseins erzählt, mehr aus der Tradition der von Männern erfundenen Frauenfiguren ausbricht.

Die Konstruiertheit der Figuren (Ferrante hämmert sie mir ein durch die Symbolik zweier Puppen, die ich vom ersten zum letzten Band zieht, bei der eine Puppe in den dunklen Schacht fällt, die andere böswillig dorthin geschleudert wird) kann man wahrnehmen oder auch nicht. Sie hätte mich gestört, wenn die Sprache Ferrantes nicht so schön und so leicht und so präzise wäre. Mit wenigen Sätzen schafft sie es, Stimmungen einzufangen, die Gewalt zu beschreiben, Bilder zu erzeugen, als würde ein Film ablaufen. Die Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht. Die Arbeit in der Fleischfabrik. Die Entstehung eines Kunstwerks. Die Unsicherheit eine jungen Mädchens und jene einer erwachsenen Frau.

Meine schönste Szene ist jene, in der die Elena, die am Stadtrand lebt und das Meer noch nie gesehen hat, mit vierzehn Jahren zum ersten Mal mit ihrem Vater in die Stadt Neapel kommt. Die Straßen, die Plätze, die Häuser, der Wind, das Meer. Das Sich-Wundern über die Schönheit dieser Stadt.

Anmerkung: Ich habe den ersten Band auf Italienisch gelesen und die anderen drei auch Englisch. Die deutsche Übersetzung kenne ich nicht.

Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend)

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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16 Antworten zu Elena Ferrante: Die neapolitanischen Romane

  1. lisimoosmann schreibt:

    Ich sehe vieles ähnlich. Die deutsche Kritiken, auf die ich von dir und anderen aufmerksam gemacht wurde, ignorieren so ziemlich alle formalen und inhaltlichen Einwände gegen Ferrantes Tetralogie, die man berechtigterweise erheben könnte: dass sie ihre Geschichte symbolisch überladen hat, dass sie gerne melodramatisch wird, dass vieles überkonstruiert wirkt, dass sie neapolitanische Stereotype überstrapaziert, dass ihr ziemlich einige Metaphern misslingen und dass sie, wie du anführst, die Grenzen des Second-wave-feminism-Denkens eigentlich nie überschreitet und auch keinerlei Sinn für Ironie oder gar Humor hat. Vor allem aber übersehen sie, was die Bücher trotzdem so eindrücklich macht: die fast schon grausame Ehrlichkeit, mit der sie sich den „typischen“ Problemen vieler Frauenleben stellt, und die uncanny ability, aus kleinen Alltagssituationen und -szenen poetische Vignetten zu machen, die man nicht mehr vergisst. Ich lese immer, wie die Amica-Geniale-Bücher von Kritikern mit den Werken Elsa Morantes verglichen wird, was mir ziemlich daneben erscheint. Der Vergleichmaßstab, den ich heranziehen würde, sind viel eher Filme wie „Ladri di biciclette“, „Umberto D.“, „Paisà“, „Stromboli (Terra di Dio)“ oder „La Terra trema“. Schade, dass nicht der frühe Visconti eine Netflix-Serie aus den Büchern machen kann.

    • Karin Koller schreibt:

      Du sagst in einem Absatz, was ich so unbeholfen lange auszudrücken versuchte. Schön.
      Was die deutsche Literaturkritik gelesen hat, kann ich nicht nachvollziehen. Jemand sagte sogar etwas wie: Das sind wahre Erinnerungen, da ist nichts hinzugefügt.
      Andere beschäftigen sich wieder hauptsächlich damit, dass die „wahre Identität“ der Autorin nicht bekannt ist. Das ist mir ganz egal, obwohl ich mir beim Lesen vorstelle, wer Ferrante sein könnte, auf abstrakte Weise. Die Biederkeit der Erzählung wird bekrittelt. In einer Rezension stand, der Hype in den USA hätte Ferrante sehr geschadet. Ich habe keine Ahnung, wie die auf all das kommen. Ich verstehe das überhaupt nicht und finde es ziemlich armselig.

      • lisimoosmann schreibt:

        Das Geschnatter um die Frage der „Authentizität“ (inkludierend die Frage, was denn im Werk autobiographisch sei) ist ja seit ewig ein Fetisch der öden Fölletonschreiber und ersetzt oft den Versuch, den Text einzuordnen. Es ist halt auch weniger Aufwand, herumzuspekulieren, wie alt und fesch Frau (oder gar Herr?) Ferrante sein könnte, als in den Werken künstlerische Kontinuitäten (zum filmischen Neorealismo oder zum Verismo etwa Giovanni Vergas, aber dafür müsste man halt zwei Stunden einen Rosselini-Film ansehen oder eine 30-seitige Verga-Kurzgeschichte lesen) und Brüche zu suchen, oder sich gar auf das Werk selbst und seine Details einzulassen. Inwieweit der Erfolg einer Autorin in Land XY für die künstlerische Bewertung des selben Werkes in Land Z von Relevanz sein sollte, erschließt sich mir nicht. Wie schon gesagt, ich könnte einige gewichtige formale, stilistische und inhaltliche Einwände gut nachvollziehen, wenn sich jemand die Mühe machte, sie gut zu begründen (ohne dass sie geeignet wären, meinen Gesamteindruck zu ändern). Und wenn eine lineare Erzählweise als bieder gilt, ok, aber dann wundert mich doch, dass meiner Erinnerung nach nirgendwo die Biederkeit der hochgelobten Meisterdichter wie Franzen und Updike bekrittelt wurde).

  2. carina schreibt:

    ich lese gerade den zweiten band und bin fast süchtig darauf, von der arbeit nach hause zu kommen, um endlich zu erfahren, wie es weitergeht. so ging es mir zum letzten mal bei den harry-potter-büchern vor 15 jahren. eine großartige schriftstellerin!

  3. daria1985 schreibt:

    Habe die „geniale Freundin“ gestern gekauft und bin nun noch gespannter

  4. Martha schreibt:

    Danke für deine Einschätzung. Mir erscheint die feuilletonistische Kritik an Ferrante sehr patronisierend. Ferrantes Romane werden gleichsam als Ratgeber zur Bewältigung von Krisensituationen im Frauenleben gelesen, mit einer Betonung auf die vielbeschworene „Ehrlichkeit“ und „Kompromisslosigkeit“ der Autorin in der Darstellung dieser Krisensituationen. Die Annahme, der Wert und die „Wahrhaftigkeit“ von Ferrantes Romanen liege darin, dass sie Unzufriedenheit, Kampf und Wut nicht unterdrücken, sondern freimütig herauslassen, ist ja ähnlich überheblich, wie früher oft zu lesende Kritikerversuche, die künstlerische Verarbeitung solcher Emotionen als „hysterisch“ zu verpönen.

    Es gibt, scheint mir, kaum eine Diskussion über ihre künstlerische Technik und auch kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den verarbeiteten Themen jenseits des rein Psychologischen oder Sozialen (im weitesten Sinne). Wer sagt denn all diesen Suchern nach der „wahren“ Autorinnenidentität: it´s the somg, not the singer?

  5. lola schreibt:

    dumme frage ….. mochtest du nun die bücher oder mochtest du sie nicht?

    • Karin Koller schreibt:

      Sehr. So sehr wie schon seit Jahren keine Bücher mehr. Im ersten Absatz habe ich versucht, meine Angst, mich von ihnen trennen zu müssen, zu beschreiben. Ich denke jetzt nach Wochen immer noch viel über die Fragen nach, die sich mir in ihnen stellen. Ich bin aber nicht völlig uneingeschränkt begeistert, weil sie so gut sind, dass ich die wenigen Unzulänglichkeiten lieber nicht gehabt hätte.

  6. Kristian schreibt:

    Ich habe das erste Buch am WE begonnen und fand es anfangs recht schwierig, hineinzukommen. Nun bin ich etwas über Seite 100 und kann langsam den Sog verspüren

  7. marco schreibt:

    mit wem könnte man denn diese autorin vergleichen? mit elfriede jelinek oder mit christa wolf?

  8. Vielleserin schreibt:

    Im literarischen Quartett wurde das Buch „Die geniale Freundin“ ja übereinstimmend mit stupidesten psychologisierenden Argumenten als unglaubwürdig verrissen, vor allem, aber nicht nur von Maxim Biller, der selbst die penetrantesten (und auch misogynsten) Mistbücher schreibt und in dessen Bücher eine Frau ja höchstens als Fickobjekt für sexbesessene Penisträger vorkommt. Ich freue mich, dass du hier eine differenziertere Sichtweise hast und die Faszination des Buches nachvollziehbar machst. Dank dafür

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