Pensées: Ein Ausflug nach Bovec und Kobarid

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  1. Kurz nach dem Soldatenfriedhof kommt das Freilichtmuseum von Bovec. Wenn wir nicht gewusst hätten, dass es hier irgendwo sein muss, hätten wir es nicht gefunden. Nur ein kleines Schild weist darauf hin.
  2. Wir müssen über eine Wiese gehen, die frisch gemäht ist. Ganz sicher sind wir nicht, ob wir hier richtig sind, aber dann sehe ich einen verrosteten Stacheldraht, einen Weg und ein Schild. In diesen kleinen Hügeln haben sich 1915 österreichische und deutsche Truppen  verschanzt. 1917 gelang der Durchbruch durch die italienische Verteidigungslinie. Gas wurde eingesetzt. Das war wohl die Schlacht, die auf dem Friedhof so heldenmäßig erwähnt wird. Von Gas stand dort nichts.
  3. Der Weg führt durch den Wald. In die Felsen wurden Unterstände gebaut. Holzhüttchen mit Betten und einem Ofen sind noch erhalten. Verrostete Schießscharten zwischen den Felsen. Direkt dahinter Granatenlöcher.
  4. Was für ein elendes Leben voller Angst hier zwei Jahre lang geführt wurde.
  5. Wir fahren weiter nach Kobarid. Auf Deutsch heißt der Ort Karfreit. Der italienische Name ist am bekanntesten: Caporetto.
  6. Ernest Hemingway schrieb über den Rückzug der italienischen Armee aus Caporetto in A Farewell to Arms. Wie der Protagonist für einen Transporter verantwortlich war, wie er nicht stunden- und tagelang im Stau stehen wollte, wie er verängstigte Mädchen mitnahm, wie der Wagen auf einer Nebenstraße im Schlamm steckenblieb, wie der Protagonist einen Untergeben, der nicht helfen wollte, erschoss und dann den Wagen trotzdem aufgeben musste, wie die Situation zunehmend unüberschaubarer wurde, wie der Rückzug chaotischer wurde, wie italienische Soldaten wahllos Offiziere heraussuchten und erschossen, wie der Protagonist sich durch einen Sprung in den  Fluss retten konnte.
  7. Das Buch erschien mir an vielen Stellen sehr anschaulich, an anderen wieder quälend einfach und repetitiv. Aber viele Szenen blieben. Und das genau macht ja ein gutes Buch aus.
  8. Jetzt sind wir also in Kobarid. Das ist ein friedlicher kleiner Ort, halb verschlafen, halb touristisch, in einer schönen Landschaft.
  9. Ich kann mir Krieg nicht vorstellen, nicht mit den Bildern in Museen, nicht mit Beschreibungen, nicht die Kälte, nicht den Gestank, nicht den Lärm, nicht die Gespräche, nicht die Angst. Und eigentlich bin ich sehr froh darüber.
  10. An den Krieg erinnert das Museum von Kobarid.
  11. In der temporären Ausstellung werden Briefe und Tagebücher von der Front gezeigt:
  12. „Ich schlafe mitten unter Leichen, ich lebe und nehme Speis und Trank zu mir, die teils schon verwest sind, teils zur Verwesung übergehen und einen abscheulichen Geruch verbreiten.“
  13. „Jeder wurde für jede Kleinigkeit bestraft, …einfach mit einem Strick an einen der Telegraphenmasten gebunden, die entlang der Bahnstrecke standen…sogar drei, vier gleichzeitig, bei jedem Masten einer…Bei dieser Strafe ist so manchem schlecht geworden, sodass er losgebunden und künstlich beatmet werden musste.“
  14. „Ich finde keine Ausdrücke und Worte, mit denen ich diese Hölle beschreiben könnte.“
  15. „Am 29. war ich 24 Stunden lang im Schützengraben und hockte die ganze Zeit zwischen den Leichen unserer und feindlicher Soldaten. Der Gestank war unerträglich…Dieser Leichengestank, die Kälte, das ungenießbare Wasser, der Schlafmangel aufgrund der unaufhörlichen Alarme, das alles hat mich in einen erbarmungswürdigen Zustand gebracht.“
  16. In der ständigen Ausstellung werden viele Bilder gezeigt. Von einer Sanitätseinrichtung, von Zahnärzten im Feld, von der halbautomatischen Feldwaschküche, von der Austeilung der Post, von Hundegespannen. Hauptsächlich friedlich. Als die in den Briefen und Tagebüchern beschriebenen Ereignisse stattfanden, war nicht die Zeit für Fotografien.
  17. Die Ausstellungsstücke reichen von Alltaggsgegenständen, über Informationsbroschüren, bis zu einem Modell des Kriegsschauplatzes und einem Tor des Militärgefängnisses, in dem Soldaten ihren Kummer einritzten. Die Isonzoschlachten werden beschrieben. Ich hatte nicht gewusst, dass Erwin Rommel auch in er Schlacht von Caporetto im Einsatz war. General Krauss schrieb in einer Feldpost an seine Soldaten: „Für Euch gilt der Satz: Keine Ruh‘ und keine Rast, bis die Italiener zerschmettert sind.“
  18. Einige Räume geben einen Überblick über die Geschichte der Region. Fahnen, die an die Wand gemalt wurden, zeigen an, wer das Gebiet regierte: Römer, Ostrogothen, Avaren, Franken, Aquileia, Venezianer, Türken, Habsburger, Franzosen, Italien, Österreich-Ungarn, Jugoslawien, Nazideutschland, USA, Slowenien. Oft in mehrfachem Wechsel.
  19. Es ist ein recht interessantes Museum. Schön finde ich auch, dass alle Erklärungen auf Slowenisch, Italienisch, Deutsch und Englisch angeschrieben sind. Auch im Shop gibt es Bücher auf Deutsch und Englisch. Ich kaufe mir das Antikriegsbuch Doberdo.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Ein Ausflug nach Bovec und Kobarid

  1. Kristian schreibt:

    Schöner Text, danke

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