Askese reloaded

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„Askese“ schrieb ich damals https://karinkoller.wordpress.com/2012/12/05/askese/ , hauptsächlich weil ich diese Geschichte von Buddha hörte, aber auch weil mir ein schmuckloses Auftreten wie ein Fasten vorkam. Als würde ich im Büßergewand das Haus verlassen. Als hätte ich irgendetwas entsagt. Als hätte ich die Möglichkeit, mich zu schmücken, vertan.

Ich ging auch nie wieder ganz ohne Ohrschmuck aus dem Haus. Das war mir unangenehm. Es ist auch umständlich und übersteigt fast meine Fähigkeiten, die Labret-. Antihelix- und Tragusschmuckstücke wieder einzusetzen.

Für meine Schmuckkolumne reloaded Serie habe ich doch noch einmal meinen gesamten Schmuck abgelegt. Im Urlaub, in Amsterdam. Dann bin ich zu Abendessen gegangen, habe also nicht nur im Kämmerchen die Fotos gemacht und dann den Schmuck wieder angelegt.

Ich kam mir nicht asketisch vor, sondern beinahe subversiv. Geheimnisvoll irgendwie, weil ich ja offensichtlich Schmuck einsetzen konnte, es aber nicht tat. Das hat natürlich niemandem ein Rätsel aufgegeben, niemand hat sich darum gekümmert. Aber darum geht es auch nicht.

Ich stelle mir vor, welche Geschichte ich zu einer Frau erfinden würde, die ich so ungeschmückt auf der Straße sehen würde. Welche Geschichten ich über mich erzählen würde, wenn jemand fragte. Wahrscheinlich Geschichten über Unabhängigkeit und Freiheit von gesellschaftlichen Normen. Und dann denke ich, wie weit ich tatsächlich davon entfernt bin.

Aber mit einem schmucklosen Abend bin ich dennoch ein winziges Stück in diese Richtung gekommen.

PS: Mir fällt auch auf, wie unterschiedlich mein Gesichtsausdruck ist im alten Bild und im neuen. Kontext ist wohl doch alles.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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17 Antworten zu Askese reloaded

  1. nergiz schreibt:

    Danke! Tolles Foto. Das Medusalöchlein sieht auch ohne Schmuck wie Schmuck aus, und auch das Outer Conch macht sich genial. Ob du auch noch ein „Full Frontal“ Foto veröffentlichen möchtest? Wäre sehr schön.

  2. alex schreibt:

    cool. ich finde, das sieht sehr geheimnisvoll und sexy aus und regt die fantasie an, zu überlegen, wie man die löcher bestücken könnte

  3. Maria schreibt:

    wenn ich Dich gesehen hätte, hätte ich bestimmt überlegt, was Dich dazu gebracht hat ohne jeglichen Schmuck zu sein…
    Hast Du den nicht sichtbaren Schmuck auch abgelegt ?

    • Karin Koller schreibt:

      Nein, den nicht. Da war ich wohl zu faul, aber du hast recht, ich hätte das tun sollen für echte „Askese“.
      Zu welchem Schluss wärst du gekommen bei deinen Überlegungen?

      • Maria schreibt:

        Hätte bestimmt überlegt, warum Du ohne Schmuck bist, da ich nicht geglaubt hätte, dass eine Frau mit so vielen Piercings einfach ‚ohne Grund‘ nackt in der Öffentlichkeit herumläuft. Ob Du vielleicht grade vom Arzt gekommen waerst oder etwas anderem, wo der Schmuck einfach nicht hätte da sein dürfen.
        Auf die Idee des freiwilligen Verzichts wäre ich vermutlich zu allerletzt gekommen.

  4. nergiz schreibt:

    Doofe Frage wohl, aber: fühlt sich das anders an ohne Schmuck (also spürst du im Alltag, wenn du Schmuck trägst bzw. nicht trägst?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich finde, es fühlt sich anders an. Im Alltag, mit kleinem Schmuck, spüre ich es eigentlich nicht. Ohne Schmuck ist es weniger das fehlende Gewicht, sondern das ungeschmückte Gefühl. Ich habe das im Text zu beschreiben versucht: Es kann ein Gefühl des Subversiven sein, oder ein Gefühl der Entblößung, je nach Stimmung und Kontext.

  5. nergiz schreibt:

    Du bist schuld, dass ich seit gestern auch gedehnte Ohrlöcher habe🙂, wollte ich dir nur sagen. Und nochmals, dass ich sehr auf eine baldige neue Aural Sculpture hoffe!

  6. nergiz schreibt:

    Ich fand es schon ziemlich heavy, aber auch sehr cool und ein echter Erlebnis, das ich nicht so bald vergessen werde. Und irgendwie schätzt man ja das, was einen ungewöhnlichen Einsatz und Überwindung erfordert, mehr. Bin gerade ziemlich happy damit und mit mir, auch wenn ich nicht gut geschlafen habe

  7. carina schreibt:

    danke für den beitrag. mein liebster hat ihn gelesen und hat mich dazu gebracht dir das nachzutun. und als ich gestern so asketisch in einer bar gesessen bin kamen wir auf die idee, als ergänzung dazu das gegenteil auch zu versuchen (wenn wir auch nicht wussten, wie sich das gegenteil von askese nennt). der gedanke ist, einen abend möglichst schwer geschmückt zu verbringen. das mache ich dann heute. (wir haben gewettet, wieviel schmuckgewicht ich zusammenbekomme. beii über 500g gewinne ich einen hübschen preis und das sollte doch zu schaffen sein). wenn du einen begriff für das gegenteil von askese hast: nennst du ihn mir?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich würde sagen, Hedonismus, Völlerei. Auf Englisch Gluttony. Je nach dem, ob du es positiv oder negativ besetzen willst.
      Wie war der ungeschmückte Abend? Erzählst du uns davon?

      • carina schreibt:

        ich würde es dann doch gerne positiv besetzen. also hedlnismus? ich fand es toll, werde das jedenfalls bald wiederholen. (die interessiert-fragenden-erstaunten blicke, auch das gefühl von leichtigkeit: es ist nett, sich über den körper zu streichen, sich zu berühren, berührt zu werden und nur ahnen oder ahnen lassen, was sein könnte. aber mit dem wissen um den normalzustand, die „schwere“. ob das jetzt verständlich ist, weiß ich aber selbst nicht. ich müsste es besser verbalisieren. I’ll try)

      • Karin Koller schreibt:

        Ich finde, das ist schon sehr schön verbalisiert, ich würde aber gerne noch mehr hören.
        Wie ist Dein geschmückter Abend gelaufen? Hast du die 500g zusammengebracht?

    • daria1985 schreibt:

      Und, hattest du Erfolg?

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