Pensées: Ein Ausflug nach Besançon

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  1. Mein Mann und ich fahren über ein Wochenende nach Besançon. Ohne Kinder.
  2. Bisher waren wir noch nicht oft in Frankreich und es erstaunt mich jedes Mal, dass Frankreich ja gleich hinter Basel anfängt. Natürlich kenne ich die Europakarte. Es ist nur so ein Gefühl, das sich aus der Omnipräsenz des Österreichbezugs in Schulerziehung und Medien ergeben hat.
  3. Paris ist näher zu Vorarlberg als Wien. Besançon ist nur vier Stunden entfernt. Trotzdem kannte ich die Stadt nicht.
  4. Wir kommen zu Mittag an und schlendern erst einmal nur durch die Stadt.
  5. Die Häuser Besançon sind aus großen grau-gelben Steinblöcken gebaut. Das sieht sehr schön aus. Viele Häuser haben ebenerdige Wohnungen mit Fenstern direkt zur Straße hinaus. Ich erinnere mich, das auch in der Bretagne gesehen zu haben. Ich erinnere mich nicht, das in Österreich gesehen zu haben, dort sind zur Straße hinaus entweder Geschäfte oder Hauseingänge, oder die Fenster sind so erhöht, dass man nicht direkt hineinsehen kann.
  6. In einem Park steht eine Statue eines auf einem Thron sitzenden Mannes, der halb mit einem Leintuch verhüllt ist. Der Mann ist Victor Hugo, er kommt aus Besançon.
  7. Seine Aufmachung wirkt unmotiviert. Sollte ich je eine berühmte Schriftstellerin werden, denke ich mir, dann sorgt hoffentlich jemand dafür, dass ich etwas anhabe. Bei der Vorstellung einer Steinskulptur von mir in unserem Dorf muss ich schmunzeln.
  8. In der Einkaufsstraße gibt es viele Bäckereien und Patisserien. Mit Macarons. Mit selbstgemachten Schwedenbomben mit Kirschen oder Schokoladezebrastreifen. Mit Kuchen, Keksen und Konfekt.
  9. Mit Viennoiseries. Das ist Kleingebäck. Ich denke an Wien und wie es dort nur Anker und DerMann gibt und keine solchen kleinen Bäckereien für die „Wienlichkeiten“.
  10. Uhrengeschäfte gibt es leider keine besonderen. Und ich brauche eine Uhr, seit ich im Sommer versucht habe, meine alte Uhr zu reparieren und dabei den Drehknopf abgebrochen. Jetzt läuft sie jeden Tag drei Minuten nach und ich muss sie aus dem Gehäuse nehmen, um sie zu verstellen.
  11. Besançon ist die französische Uhrenstadt. Ein Schweizer Auswanderer hat im 19. Jahrhundert diese Industrie gegründet. Wirtschaftsflüchtling würde man heute bei uns sagen. Verächtlich. Zumindest bevor sich der wirtschaftliche Erfolg einstellt.
  12. An Wänden und Mülltonnen kleben „Réfugiés  Bienvenue!“ Plakate. Auf dem Hauptplatz sind einige Marktstände. Die Socken, die sie verkaufen, sind aus Frankreich, sagen die Schilder unter den Frankreichfahnen.
  13. Wir kaufen uns Sandwiches (Pignoli und Beef, Ente und Blauschimmelkäse). Es ist gerade noch warm genug, um draußen zu sitzen.
  14. Das Museum ist leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. In den Straßen hängen Fahnen mit Kunstwerken. Hauptsächlich modern.
  15. Wir gehen weiter zum Fluss (Doubs). Die die Brücke ist halb Straßenbahngleis, halb Fußgängerzone.
  16. Unter einem Einfahrt-verboten-Schild steht Sauf Tram. Ich bin kindisch, finde das lustig und stelle mir eine betrunkene Tram vor.
  17. Die Häuser spiegeln sich im Fluss.
  18. Hinter der Brücke steht eine Kirche. Die Sessel in der Kirche sind sich in Zweierreihen gegenüber aufgestellt. Als würde man hier Reise nach Jerusalem spielen.
  19. Vor der Kirche stehen Lampenmasten, mit einem Löwenfuß, auf dem ein geflügelter nackter Frauenoberkörper mit neckischen Blümchen über den Nippeln sitzt, auf dem ein Löwenkopf mit Stierhörnern sitzt. Ich versuche mir vorzustellen, was in der Fantasie des Künstlers (ich nehme an, es war ein Mann) vorgeht.
  20. Am anderen Ufer ist eine Geschäftsstraße und dort gibt es einen Laden mit tollen Uhren aus Besançon. Eine davon ist eine moderne Pendeluhr in Orange, wie eine moderne Skulptur. Die kostet aber über 3000 €. In der Auslage liegt auch eine schöne Uhr für 85 €. Die wäre genau richtig für mich. Aber das Geschäft hat zu. Obwohl es gemäß Schild an der Tür offen haben müsste. Die Öffnungszeiten scheinen hier frei wählbar zu sein. Etwas enttäuscht gehe ich weiter.
  21. Die Straße führt zu einem kleinen Park. Ein Mann mit einem Hund sitzt auf einer Bank. Sehr viele Menschen sind hier mit Hund unterwegs, sehr wenige HundebesitzerInnen scheinen die Hundeköttel wegzuräumen. Von meiner Studienzeit in Wien bin ich es immer noch gewohnt, darauf zu achten. Es erscheint mir aber nicht mehr zeitgemäß.
  22. Auf einem kleinen Hügel steht ein Turm. Von hier hat man eine schöne Aussicht.
  23. Wir gehen noch eine Runde durch die Stadt und kaufen Macarons und Törtchen. Am Rückweg zum Hotel kommen wir an einem Brunnen vorbei: Ein Mann mit langem Bart sitzt splitternackt auf einem Delfin. Den Arm hat er in die Höhe gereckt, als würde er jemanden grüßen wollen, oder als hielte er einen Humpen Bier. Jemand hat in eine Papiertüte, auf die ein Baum gedruckt ist, an den Arm gehängt. Er erinnert mich an Waluliso.
  24. Im Hotel essen wir die Törtchen. Abends gehen wir in ein Restaurant und essen Foie gras und Entrecotes. Wenn wir schon einmal in Frankreich sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Pensées: Ein Ausflug nach Besançon

  1. Traugott schreibt:

    Ich würde gerne ein „Like“ für diesen schönen Beitrag vergeben, finde aber nicht heraus, wie das anzustellen ist. Hatten Sie auch Gelegenheit, die Vaubansche Zittadelle sowie die erstaunlichen Tapestrien aus der Spätburgunderzeit in Augenschein zu nehmen?

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