Pensées: Ein Ausflug zu den Uhren von Besançon

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  1. In der Nacht wird die Zeit umgestellt. Wir können eine Stunde länger schlafen. Beim Frühstück im Hotel ist niemand, obwohl wir spät dran sind. Es gibt verschiedene Käsesorten. Andere Hotelgäste tauchen erst auf, als wir fertig sind.
  2. Nach dem Frühstück gehen wir zum Dom. Zu jeder vollen Stunde kann man sich die astronomische Uhr ansehen. Es ist kurz vor Zehn eine Frau sitzt mit ihrem Handy auf den Stufen zum Eingang des Uhrenzimmers. Wir können die Uhr ansehen, wegen der Zeitumstellung gibt es keine Führung und der Mechanismus ist obendrein kaputt. Dann schaut sie uns mitleidig an und sagt, die Führung hätte 40 Minuten gedauert und wäre ohnehin auf Französisch gewesen.
  3. Und das obwohl ich sie in fast perfektem Französisch angesprochen habe. Ich bin beleidigt, weil ich mir selbst nicht eingestehen möchte, dass ich tatsächlich der Führung nicht hätte folgen können.
  4. Die Uhr besteht  aus vielen Anzeigen. Für Stunden, Minuten, Monate, Jahreszeiten. Für die Zeit in verschiedenen Städten der Welt. Ein Fenster zeigt die Planetenstellungen über den Sternzeichen.
  5. Auf jeder Seite der Uhr sind vier Anzeigen mit Bildern von französischen Seeorten und dem jeweiligen Gezeitenstand. Schiffchen schwanken auf den mechanischen Wellen.
  6. Figuren von Heiligen stehen ganz oben auf der Uhr. Zu Hause lese ich, dass jeden Mittag ein Mechanismus Jesus auferstehen lässt und jeden Tag um 15 Uhr zu Grabe trägt. Das kommt mir wie Blasphemie vor, ist aber offenbar von der Kirche so gewollt.
  7. Hinter der Uhr ist alles voller Zahnräder. Noch faszinierender als die Heiligen. Die Uhr besteht aus über 30.000 Teilen.
  8. Wir gehen weiter. In den Dom hinein.
  9. Dort steht das Grabmal des Ferry Carondelet. Ein in Bischofsrobe (mit Hut) gekleideter steinerner Mann ruht auf einem Polster auf einem erhöhten Bett. Unter dem Bett liegt ein Jesus mit Lendentuch. Er ist leicht gequetscht, weil nicht viel Platz ist unter dem Bett. Neben ihnen steht ein steinerner Mann in Robe. In einer Hand hält er eine Feder, in der anderen seinen eigenen Kopf. Was das bedeutet, erklärt auch die aufliegende Broschüre „Die 7 Schätze der Kathedrale Sankt Johannes“ nicht.
  10. Ein Bodenmosaik zeigt Mauern und Türme. In einer Kapelle steht die Johannisrose, der einzige scheibenförmige Altar in Frankreich sei das. Fast 1000 Jahre ist er alt. Daneben steht ein goldener Schaukasten mit schön beschriebenen Knochen von Heiligen.
  11. Gleich nach dem Dom kommen wir zur Porte Noire. Dieses Triumphtor wurde für Marc Aurel und dessen Siege über die Parther erbaut. Leider sind viele Reliefs kaum noch erkennbar. Ich meine tanzende Frauen und kämpfende Männer zu sehen. Geschichten aus der Mythologie seien auf dem Tor dargestellt gewesen.
  12. Vom Tor aus gehen wir zum Uhrenmuseum. Dort gibt es nicht nur Uhren, sondern auch ein Stadtmodell von Besançon. Im Stiegenhaus steht eine Meerjungfrau, die sich im 16. Jahrhundert Wasser aus den Nippeln gedrückt hat.
  13. Es gibt hier auch ein Votivbild mit einer Übersicht über die Stadt, die zwischen einem Hügel und der Schleife des Flusses wie eine Bubblegumblase liegt. Rechts und links der Stadt stehen Bischöfe mit ihren Köpfen in der Hand. Cephalophore scheinen hier sehr beliebt zu sein.
  14. Einige interessante Bilder hängen hier. Auch ein Tizian zugeschriebenes Portrait.
  15. Ein Bild stellt die Belagerung Besançons unter Aufsicht Ludwigs XIV. dar. Eines zeigt drei Epochen der Stadt mit drei Habsburgern und barbusigen Damen. Ein Bild zeigt Massaker des Dreißigjährigen Krieges: Frauen werden vergewaltigt, ein an den Händen aufgehängter Mann wird aufgeschlitzt, Häuser werden geplündert, Tote liegen in den Straßen.
  16. Auf einem Bild aus dem 16. Jahrhundert sitzt ein nackter Bub zwischen einer Sanduhr und einem Totenschädel und bläst eine Seifenblase.
  17. Auf einer Satire über den Herzog von Alba sitzt diesem der Teufel im Nacken, während ein Würdenträger ihm mit einem Blasebalg Luft ins Ohr bläst. Frauen huldigen dem Herzog, sie liegen in Ketten.
  18. Gemälde, in die Uhren montiert sind, gibt es hier, Planetenuhren, verschiedene Kalender aus aller Welt – auf Stöcken, auf Dosen, auf Holz oder Papier. Memento mori. Liebliche Taschenuhren und schnörkelige Standuhren. Globenuhren und nautische Messgeräte. Eine sprechende Uhr aus 1932 Die Geschichte der Uhrenindustrie von Besançon kann man nachlesen, Geräte zur Uhrenherstellung ansehen.
  19. Die komplizierteste Uhr der Welt ist hier ausgestellt. Sie sieht aus wie eine größere Taschenuhr und kann sogar den Sternenhimmel über Paris, Lissabon und Rio de Janeiro anzeigen.
  20. Im Turm des Museums hängt ein Foucaultsches Pendel. Man kann die Bewegung der Erde um die eigene Achse damit beobachten. In 32 Stunden dreht es sich einmal um den Kreis herum. Ich kann mir das nicht vorstellen. Das Pendel sieht schön aus, so feierlich in seinem Glaskäfig.
  21. Im Shop sehe ich eine Uhr mit recht ansprechendem Design, die auf 37 € herabgesetzt ist. Ich schlage gleich zu. Als ich mir draußen auf der Straße die Uhr umschnalle, merke ich erst, dass der Sekundenzeiger gegen den Uhrzeigersinn läuft. Der Stundenzeiger auch. Ich finde die Idee dieser widersinnigen Uhr eigentlich ganz lustig.
  22. Seither schätze ich die Zeit ungefähr. Nicht immer richtig.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Pensées: Ein Ausflug zu den Uhren von Besançon

  1. Gilbert Pothmann schreibt:

    Was hältst Du davon Dir eine Uhr an Dein Ohr zu hängen?

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