Pensées: Ein Ausflug zur Zitadelle von Besançon

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  1. Am Nachmittag gehen wir zur Zitadelle hinauf.
  2. Wieder ein Festungsbau, der zum Schutz und zur Verteidigung errichtet wurde, was nichts nützte (jene, die heute eine „Festung Europa“ fordern, könnten ja nicht zuletzt auch daraus lernen), und später zum Gefängnis wurde.
  3. Aber als Museen eignen sich solche Festungen vortrefflich, finde ich. Leider sind zu viele immer noch Gefängnis oder einfach nur stillgelegt.
  4. Auf dem Weg zur Burg steht eine Bronzestatue des Architekten Vauban, in Perücke und Knickebockern einen Plan studierend.
  5. Vor der Zitadelle ist eine Brücke über einen Burggraben. In diesem Graben leben Paviane. In der Zitadelle gibt es auch einen Zoo, und ein Insektarium und ein Haus, in dem nachtaktive Tiere beobachtet werden können. Das hätte den Kindern gefallen. Wir schauen die Tiere aber nicht an.
  6. Im Innenhof steht eine moderne Skultpur – eine Figur, halb Wurm, halb Frau auf einem Metallgestell. Die Nippel der Frau sind sehr spitz, es sind das dritte auffällige Paar Nippel, die ich in dieser Stadt sehe.
  7. Die Museen sind auf unterschiedliche Gebäude verteilt. Zuerst gehen wir in das Museum für Alltagskultur in der Franche-Comté. Vor dem Eingang hängen Metalltafeln mit Allegorien aus dem 17. Jahrhundert: Ein Schmied, der ein Herz formt. Ein Mann mit Kamel, der sagt: Ich liebe, was mich verbrennt.
  8. Marionetten sind ausgestellt, eine magische Distille, eine Apothekerweinflasche, und andere Kleinigkeiten.
  9. In einem Raum hängen alte Fotos. Unter einigen von Ihnen hängt ein neues Foto von der selben Stelle. Auf den Fotos dargestellt sind: Soldaten, die über eine Brücke gehen, ein Zirkus mit einem Elefanten, Markt, Pferdemarkt, ein Vater, der mit seinen Töchtern spielt, Heuernte, Ruderer im Ganzkörperstreifenanzug, und viele andere lustige und interessante Dinge.
  10. Vom Museum kommt man auf die Festungsmauer. Die Aussicht ist schön, aber leider sind wir nicht hoch genug, um die Schleife des Doubs um die Stadt zu sehen. Eine Europafahne weht im Wind. Ein französische auch.
  11. Wir gehen weiter ins Vauban-Museum. Bilder von Bau der Zitadelle, Pläne, Bilder von Bau- und Kriegstechniken sind hier ausgestellt. Auch Reproduktionen von historischen Bildern (viele von Maria Theresia von Österreich, der Frau Ludwigs XIV.) und von Alltagsszenen, wie Märkten um 1660, auf denen Fische ausgenommen und Vögel gerupft werden. Eine Speisekarte für ein königliches Diner von 1751 mit 65 verschiedenen Speisen.
  12. Wir gehen weiter in das Museum für Résistance und Déportation. Vor der Tür hängt ein Schild, dass die Ausstellung für Kinder unter 10 Jahren nicht geeignet ist. In einer Ausstellung moderner Kunst (wo Bilder von Regelblut gezeigt wurden) habe ich so einen Hinweis schon gesehen, in einem Museum nicht.
  13. Die Ausstellung beginnt mit der Geschichte der Nationalsozialisten. Propagandaplakate hängen da, Auszüge aus den Rassengesetzen, Bilder von der begeisterten Menge, Der Stürmer.
  14. Erst danach kommen Schauräume zu Frankreich im Krieg – Durchhalteparolen, offizielle Aussendungen, Zeitungen, Lebensmittelkarten, Alltagsgegenstände, das Bild eines holzbetrieben Autos, viele Fotos. Stücke einer Mauer eines Gestapogefängnisses in Besançon. Warnungen und Bekanntmachungen der Nazis in Deutsch und Französisch. Dokumente zu Résistance und Collaboration.
  15. Bilder von Konzentrationslagen. Explizite Bilder. Von Leichenbergen. Kleine Gegenstände, die Menschen in Konzentrationslagern gebastelt haben. Tafeln mit Opferstatistiken.
  16. Eine Tafel zeigt, in welchen Ländern die Bevölkerung die Résistance befürwortete. In Ungarn, Rumänien, Bulgarien taten sie das nicht. In Österreich war die Meinung gespalten, laut Tafel. Da kommt Österreich gut weg. Es gibt sogar ein kleines Eckchen, in dem der österreichische Widerstand ausgestellt ist.
  17. Das Museum erstreckt sich über mehr als 20 Räume. Auf mich wirkt es ziemlich überwältigend. Ich verstehe, warum man Kindern abrät, es anzusehen.
  18. So ein Museum wäre bei uns nicht möglich. Nicht in dieser Explizitheit. Nicht mit einer Darstellung der Nazigeschichte in dieser Art.
  19. Während wir von der Zitadelle hinunterspazieren, diskutieren wir, warum das so ist. Warum in Frankreich das gezeigt werden kann und bei uns oder in Deutschland nicht. Ob die plakative Darstellung der Nazipropaganda bei uns zu einer Verherrlichung führen könnte. Wir kommen zu keinem Schluss.
  20. Ein Museum, das alles Bildmaterial so aufarbeitet, dass alle, die keine Ahnung von der Materie haben und der Sprache nicht mächtig sind, den Hintergrund der Ausstellung unmissverständlich mitbekommen, ist wohl zu simplifizierend und nicht besonders interessant für alle, die bereits etwas wissen. Aber irgendwo gibt es einen Selbsterklärungsgrad der Bilder, der zu Missverständnissen führen kann. Wo die Grenze liegt, ist schwer zu definieren.
  21. Ich glaube, die GestalterInnen dieses Museums wollten den Nazi-Propagandabildern die KZ-Bilder entgegenhalten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Ein Ausflug zur Zitadelle von Besançon

  1. petrasreiseblog schreibt:

    Sehr ausführlich beschrieben Dank dafür…

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