Teaching Consent

 

Es war das erste Studienjahr. Die Freiheit. Alles war neu. Alles war möglich.

Mit einigen Freundinnen war ich in einer Bar. Wir trafen einige Typen. Es war ganz lustig mit denen. Richtig sympathisch fand ich die nicht. Es wurde spät. Die Typen wohnten ganz in der Nähe, mein Heimweg und der einer Freundin war weit. Also gingen wir mit den Typen mit.

Ich schlief auf einem Matratzenlager im Wohnzimmer mit einigen dieser Typen. Meine Freundin mit einem Typen in einem eigenen Zimmer.

„Mein“ Typ bedrängte mich in der Nacht. Mir war gar nicht in den Sinn gekommen, mit dem Sex zu haben, auch nicht, dass er das wollen könnte. Der Abend war eher freundschaftlich verlaufen. Vielleicht war ich auch so naiv. Ich weiß es nicht. Ich hatte auch noch nie richtig Sex gehabt. Knutschen und sich nackt aneinander reiben, ja. Penetrativ aber nicht.

Also knutschte ich ein bisschen mit dem Typen, damit er eine Ruhe gab. Er wollte mehr. Ich sagte nein. Er wollte immer noch mehr. Ich sagte noch ein paarmal nein. Und das war es dann auch.

Meine Freundin kam am Morgen ziemlich verstört aus dem Zimmer. Einer der Typen hatte „Gezeichnet für dein Leben“ von Ambros aufgelegt, daran erinnere ich mich genau.

Wir gingen recht bald nach Hause. Meine Freundin erzählte mir, dass sie Sex mit dem Typen hatte. Dass er danach ein Büchlein hervorzog, ihren Namen einschrieb und eine Nummer. Irgendwas mit 200. Dass sie sich so lausig fühlte.

Dass sie von Anfang an nicht mit ihm schlafen wollte, sagte sie nicht. Das sagte sie mir erst einige Jahre später. Ich glaube, damals schämte sie sich, zuzugeben, dass sie vergewaltigt wurde (damals diskutierte man auch, ob es überhaupt Vergewaltigung sein könne, wenn die Frau freiwillig mit dem Mann mitging).

Sie unternahm nichts. Es hat ihren Umgang mit Männern und ihre Sexualität geprägt. Für ihr ganzes Leben.

Ich kenne viele Geschichten davon, wie es gerade noch gutging wie bei mir. Aber auch einige, bei denen es nicht gutging, wie bei meiner Freundin. Besonders wenn sich beide kannten, wenn sie mit ihm mitging, oder ihn einlud, ergaben sich schwierige Situationen.

Situationen von Gewalt, von Scham, von falschen Reaktionen.

Bei uns war damals das Problem, dass junge Männer nicht wussten, was alles Vergewaltigung sein kann, und junge Frauen oft auch nicht. Dass sich Frauen dafür schämten, was ihnen passiert ist. Dass niemand über solche Dinge sprach. Dass Männer glaubten, sie hätten in bestimmten Situationen ein Recht auf Sex, weil die Zustimmung schon durch das Mitkommen erteilt wurde. Der Typ, von dem ich erzählte, wäre wahrscheinlich aus allen Wolken gefallen, wenn man ihn als Vergewaltiger bezeichnet hätte.

Ich habe mir Audrie & Daisy  angeschaut und dort zeigte sich, dass einige dieser Probleme, auf die ich vor 25 Jahren stieß, sich bis heute nicht gelöst haben. Ich weiß nicht, ob das nur in den USA so ist oder auch bei uns. Meine große Tochter ist jetzt 14, so alt wie Daisy war, als sie vergewaltigt wurde.

Immer wieder werden höhere Strafen gefordert. Strafen für Situationen, die vor einem Gericht nicht eindeutig bewiesen werden können. Wie auch, außer es wurde gefilmt oder es war so viel Gewalt im Spiel, dass eindeutige Spuren bleiben? Und im Zweifel muss man für den Angeklagten entscheiden. So ungerecht das manchmal sein mag. Strafen halten normalerweise auch nicht sehr viele davon ab, eine Straftat zu begehen. Noch weniger, wenn die Situation in der eigenen Wahrnehmung nicht eindeutig als Straftat erkannt wird.

Wenn es zu einem Prozess kommt ist es eigentlich auch schon zu spät.

Ich würde mir wünschen, dass Männer genau wissen, wo ihre Grenzen sind, dass sie wissen, wann sie fragen müssen, wie sie fragen müssen. Dass beiden klar ist, wann Schluss ist, wann etwas zu weit geht. Dass jeder Meinungs- oder Stimmungswechsel akzeptiert wird. Dass „nein“ auch wirklich „nein“ heißt. Dass aber auch fehlende Zustimmung nicht „ja“ heißt. Dass Frauen sich nicht schämen, wenn ihnen dennoch Gewalt angetan wird, sondern darüber reden. Dass Sex nicht als Druckmittel benutzt wird. Dass es einen guten, entspannten und lustigen Umgang mit Sex gibt, ohne Scham und ohne Übergriffe.

Ich hätte gerne, dass meine Kinder – die Mädchen und der Bub – das alles lernen. Am besten in der Schule. Aufklärung und Ethik und solche Dinge haben sie dort auch. Ein Tag im Jahr, an dem es um Teaching Consent geht, das wäre gut. Die Kleinen könnten etwas über Alltagsübergriffe lernen, warum es nicht in Ordnung ist, andere zu schlagen, ihnen etwas wegzunehmen, sie zu bedrängen. Die etwas älteren Kinder könnten über Mobbing lernen. Ab 14 dann über Sex. Das könnte ihnen zeigen, dass Alltagsgewalt und Sex zusammenhängen, aber nicht zusammenhängen müssen.

Über Teaching Consent habe ich bei This American Life gehört. Das fand ich eine sehr gute Aktion, bei der auch deutlich wurde, wie viel Gewalt und falsches Handeln aus jugendlicher Unsicherheit entsteht. Und wie leicht sie vermieden werden kann.

PS: Kann mir jemand sagen, ob es so etwas im deutschsprachigen Raum auch gibt?

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Teaching Consent

  1. elisa schreibt:

    danke für diesen text!

  2. Bettina schreibt:

    Es gibt da ja inzwischen Apps, die aber das Problem nicht wirklich lösen, weil ja auch damit nicht garantiert werden kann, dass beide dem Gleichen zustimmen bzw. ihre Willensübereinstimmung auf das Gleiche bezieht. http://ch.tilllate.com/de/story/sex-app
    https://play.google.com/store/apps/details?id=we.give.consent&hl=de

    • Karin Koller schreibt:

      Ich finde allein die Sprache in der Einleitung „kann ein Schäferstündchen schnell mal in die Hosen gehen und als Klage enden“ sehr scheußlich.
      Und diese Apps sind ja eher Verträge, mit denen man sich absichern soll, nicht ein Erlernen von respekt- und dennoch freudvollem Umgang miteinander.

      • Bettina schreibt:

        Ja, grauenhaft, das ist dieser flapsige Bravo-Bento-Speak. Ich glaube nur, dass alles, das klarstellt, dass es ein Problem gibt, schon irgendwie ein Fortschritt ist. Wer das macht, was die Apps verlangen, hat zumindest schon ein gewisses Bewusstsein. Das fehlte doch denen, die du hier beschreibst, noch vollkommen.

  3. Elke Standfuss schreibt:

    Liebe Karin,
    ich finde es geradezu haarsträubend und super traurig, wenn ich erkennen muß, wie wenig sich seit damals geändert hat. Nicht einmal die in meinen Augen freiesten Frauenjahre, nämlich die 80er, haben nachhaltige Änderungen hinterlassen. Aber auch in dieser Zeit gehörten Vergewaltigung, Nötigung, Scham, Unwissenheit, Gewalt zur Tabuzone. Von „Teaching Consent“ weiß ich im deutschsprachigen Raum nichts. Die Tochter meiner Freundin (jetzt 21) mußte während ihrer Schulzeit „aufpassen“, nicht als Schlampe abgestempelt zu werden, weil sie sich ihre Freiheiten nahm. Höhere Strafen sind bei Greueltaten sicher angebracht, aber die kleinen, „feinen“ Gewalttätigkeiten, die so schwer zu beweisen sind, wo eine Frau nach dem „Nein“ eben nicht „weggelassen“ wird, die können nur durch eine entsprechende Erziehung und Sensibilisierung verhindert werden. Vielleicht setzt Du Dich mit Deinen Kindern hin und vermittelst ihnen so viel wie möglich. Das tust Du sicher jetzt bereits. Finde ich gut, viel zu viele Eltern nehmen sich dafür nicht die Zeit.
    Viele Grüße von Elke

    • Karin Koller schreibt:

      Ich versuche, meinen Kindern da so viel ich kann zu vermitteln. Richtig helfen kann es aber nur, wenn das flächendeckend gemacht wird und alle verstehen, was Gewalt ist und was Sex.

  4. Dunkelziffer schreibt:

    Danke für diesen wichtigen Beitrag!!!

    Die hier beschriebene Situation ist meiner Erfahrung und auch dem was ich sonst im Netz dazu lese her nach sehr sehr häufig. Sich im selben Zimmer/Bett zu befinden scheint für Männer zu heißen, dass sie ein Anrecht auf Sex haben. Es ist auch überhaupt nicht üblich, dass Leute darüber reden, ob sie Sex haben wollen, sondern eine Person (eben meistens der Mann) „fängt an“ und schaut dann ob sich die Frau wehrt oder nicht. Daran sind denke ich auch Film/TV schuld, die Sex oft als brüchige, schlüpfrige Situation darstellen, die „passiert“, nicht als etwas, was man (gemeinsam verantwortungsvoll) entscheidet. Ich denke besonders junge Menschen wären einem offenen Umgang Sex gegenüber sehr aufgeschlossen, so sind sie sehr neugierig diesbezüglich und auch eigentlich sehr bemüht, „das Richtige“ zu tun beim ersten Mal z.B. usw.

    Ich selbst habe lange gebraucht um zu verstehen, dass ich tatsächlich mal vergewaltigt wurde. Das passierte als ich vl. 21 war und damals waren mir der Abend, der Akt, die Männer und alles drumherum einfach nicht so wichtig, als dass ich nochmal drüber nachgedacht hätte (ein Glück, so bin ich wsl. schlimmen Folgen entkommen). Aber jetzt, so ein paar Jahre später, merke ich: Ja, ich bin eine von denen in der Statistik.

    Grenzüberschreitungen gab es in meinem Leben allerdings noch viel öfter. Das Schlimme ist, dass auch Männer die sich selbst als (pro-)feministisch sehen dieselben Fehler machen. Diese reden groß davon rape culture abzuschaffen, aber wenn du dann mal Nein sagst, probieren sie trotzdem weiter herum. Diese Erfahrung hat bei mir dazu geführt, dass ich mich generell sehr unsicher fühle. Also bei mir fand eine Entwicklung statt von „wusste selbst nicht genau was überhaupt Vergewaltigung ist“ bis zu „weiß jetzt (leider) genau was Grenzüberschreitungen sind und hat deshalb noch mehr Angst vor Männern“.

    Ich finde das sehr gut und extrem wichtig, dass Consent am Ende des Textes in einen größeren Zusammenhang gesetzt wird. Denn erst über Consent zu reden wenn es um Sex geht ist viel zu spät, da ist es eigentlich vielleicht sogar schon nur mehr Schadensbegrenzung, wenn überhaupt. Es geht darum, dass Menschen von ganz klein auf lernen sollten, alle (!) Grenzen anderer zu respektieren, und das fängt eben beim Schlagen, an den Haaren Ziehen, im Wasser Untertauchen Be- und Aufdrängen, Wegnehmen usw. an. Wenn man das überrissen hat, dann sollte es ein leichterer Schritt sein (oder vielleicht schon selbstverständlich) das auch auf Sexuelles umzulegen.

    • Karin Koller schreibt:

      Es ist erschreckend, wie wenig sich in den letzten 25 Jahren geändert hat.
      Bei Filmen und Serien ist mir aufgefallen, dass in den USA das Mitgehen auf einen Drink nach Hause Code für Einverständnis zum Sex zu sein scheint. Dort wird dann immer suggeriert, dass der Mann ein Anrecht darauf hat, weil sie ja mitging. Das kommt in fast jeder Serie vor, die ich ansehe. Nicht immer mit Gewalt aber immer mit Einverständnis dieses Codes.
      Ich finde es furchtbar, dass über Gewalt (auch häusliche – die Frau schämt sich dann mitunter, dass sie den Mann schlagen ließ, oder traut sich das nicht zu sagen, weil es „eine Schande“ ist) lieber geschwiegen wird, oder sie als etwas ganz Fremdes behandelt wird, als etwas, das anderen passiert, die „nicht so sind wie wir“. Das führt zu diesen Unsicherheiten, zu den falschen Reaktionen und ultimativ zur Perpetuierung der Gewalt.

  5. Alina schreibt:

    Danke! Nichts hat sich also geändert seit 25 Jahren, wie traurig. Meine Erfahrungen gleichen denen von Dunkelziffer. Die großkotzigen pseudofeministischen linken Babos aus dem studentischen Milieu sind kein bisschen weiter mentalitätswise, wenn es denn drauf ankommt. Sprechen über ihre Pläne gilt diesen Herren als Schwäche, und Zurückweisungen ihrer Annäherungen werden oft höchstens nach handgreiflichen und lautstarken Erklärungen widerwilligst akzeptiert. Ich meide schon deshalb inzwischen alle Parties der von dir beschriebenen Art😦

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, da gibt es schon archaische Stärkedemonstrationen, die auch in vielen Filmen einfach so übernommen werden. Dann ist es nicht verwunderlich, wenn junge Männer glauben, das müsse so sein.

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