Pensées: Ein Ausflug ins Germanische Nationalmuseum/1

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  1. Bratwürste, Christkindlmarkt – viel mehr wusste ich nicht von Nürnberg. Als ich sagte, ich fahre im Dezember nach Nürnberg, sagten alle gleich: „Ah zum Christkindlmarkt.“
  2. Das war ein bisschen peinlich.
  3. Aber wir fuhren nach Nürnberg wegen Dürer, wegen Cranach, wegen des Dokumentationszentrums.
  4. Auch um wieder ein Wochenende für uns zu haben. Mit möglichst vielen Museen, ohne das schlechte Gewissen haben zu müssen, den gegen ihren Willen mitgeschleppten Kindern jede Kultur für immer zu verderben.
  5. Gegen Mittag kommen wir in Nürnberg an und machen uns auf zum Germanischen Nationalmuseum.
  6. Ein seltsamer Name. Der kommt aber aus der Zeit, als Deutschland zu einem Staat wurde und Nationalismus etwas war, das zu einigen versuchte und nicht sich abzugrenzen. Ich habe trotzdem kein gutes Gefühl bei dem Namen. In Nürnberg ausgerechnet.
  7. Vor dem Museum ist die Straße der Menschenrechte, eine lange Reihe von Säulen, auf denen Sätze aus der Erklärung der Menschenrechte in Deutsch und jeweils einer anderen Sprache stehen. Ich finde es schön, die Texte zu lesen. Aber die Säulen stehen so unbeugsam starr da, als wären die Menschenrechte nur die Erfindung eines grausamen Architekten und nicht Rechte, die für alle selbstverständlich sein sollten.
  8. Beim Kauf der Tickets bekommen wir einen Plan, ein Heft für die Sonderausstellung, Broschüren für die Dauerausstellungen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, alles wirkt so groß. Also gehen wir zuerst in die Cafeteria und essen ein Mittagessen. Am Nebentisch sitzt ein älteres englisches Ehepaar. Sie wirken unbeholfen in ihren Bewegungen, unterhalten sich aber angeregt über das Museum. Ich muss mich zurückhalten, dass ich mich nicht zu weit hinüberlehne, um ihnen zuzuhören.
  9. Wir beginnen im Mittelalter. Viele Heilige und andere katholische Szenen. Predellentafeln, ein Wort, das ich noch nie zuvor gehört habe (von Altarsockel). Eine Kreuzigung, auf der die Folterer ganz ähnliche Gesichter haben wie auf dem Herrenberger Altar, die aber einige Jahre älter ist. Die älteste erhaltene Uhr mit Federzug und Räderwerk von 1430 in Form eines goldenen Domes. Eine Kreuzigung, auf der ein Mitgekreuzigter einen Tangaslip anhat (die Unterhosenikonografie bei mittelalterlichen Kreuzigungen finde ich sehr interessant). Eine Allegorie von Leben und Tod, bei der auf der einen Seite ein Ehepaar mit zwei nackten Kleinkindern bei einem Picknick sitzt, auf der anderen Seite ein nackter Leichnam in einer verdorrten Landschaft liegt. Ein Drache, der unter dem Rock einer Skulptur des heiligen Georg hervorlugt und dabei grinst wie Wallace von Wallace und Gromit. Drei Könige, lebensgroß aus Holz, die posieren wie Models. Die Darstellung eines Hostienfrevels und dessen Wiedergutmachung.
  10. In einem anderen Trakt sind Gebrauchsgegenstände und ganze Zimmer ausgestellt. Eine Küche aus dem 17. Jahrhundert mit Feuerstelle direkt am Boden. Eine Stube mit bemalten Kästen, auf einem dieser Kästen ist eine Dame mit Papagei gemalt. Kästchen für Nachttöpfe, reich verziert und mit Entlüftungsgitter.
  11. Ein Raum ist dem Volksglauben gewidmet. Ex Votos mit Verkehrsunfällen und Tierkrankheiten sind ausgestellt. Amulette mit Krebsscheren, Bärenkrallen, Steinbockhörnern, Marderknochen und Natternzungen (das sind Haifischzähne).
  12. Im nächsten Raum steht eine Guillotine. Ich habe den Überblick verloren, worum es geht. In meiner Phantasie stellt sich eine Geschichte zusammen, die auch den Schlitten mit Holzhirschvorderteil, das echtes Geweih trägt, mit einschließt.
  13. In der Nähe der Guillotine stehen Tassen mit Motiven aus „das Leiden des jungen Werther“, die Minions-Häferl von damals.
  14. Zwei Bilder zeigen Gabentische für Kinder. Eines ist für ein Mädchen mit Puppe, Puppenküche, Kleidchen und Hut. Das andere für Buben mit Kasper, Kutsche, Schaukelpferd und Trommel. Die Farben sind ähnlich, es gibt noch keine rosa Farbcodierung. Beide Kinder bekommen auch eine Schale Äpfel.
  15. Ein „Vaterländisches Gesellschaftsspiel“ ist ausgestellt, das Robert Blum als Märtyrer in Szenen parallel zum Leben Jesu zeigt. Ein Bild aus 1848 von einem römischen Liebeszauber, bei dem die Wachsfigur eines untreuen Liebhabers in symbolischer neuer Liebesglut zerschmolzen wird.
  16. Ein Hinterglasbild von 1864 zeigt die Vorzüge des Gaslichts. Es ist dreiteilig, im letzten Teil gehen festlich gekleidete Menschen in einen hell erleuchteten Ballsaal. In den ersten beiden Teilen ist die Gasgewinnung dargestellt, mit schwebenden Flügelwesen und schuftenden Nackten. Ich habe meinen Spaß mit den Implikationen der Darstellung – wie mythisch/christlich sie ist, wie sehr sie an den Wunderglauben beim technischen Fortschritt hindeutet. Aber manchmal frage ich mich auch, warum jetzt gerade so ein Bild (obwohl es kulturgeschichtlich interessant ist) es in seiner ganzen Scheußlichkeit in ein Museum schafft.
  17. An einer Wand klebt die Tapete „Hindostan“ von 1830 mit einer indischen Landschaft, einem Schiff und einem Ochsenkarren. An einer anderen Wand hängt Anselm Feuerbachs Amazonenschlacht. Die Amazonen sind natürlich nackt, oder verlieren gerade ihre für den Kampf eher unpraktischen (so sind die Frauen soll das wohl heißen?) Wickeltücher und sterben ästhetisch hindrapiert. Den Intimbereich bedeckt natürlich immer ein Tuch, auch in der Hitze des Gefechts. Nur eine der Amazonen trägt Ohrringe.
  18. Ich taumle weiter durch das Museum und komme wieder ins 16. Jahrhundert. Ein Bild ist beschrieben als „authentisches Bild einer spätmittelalterlichen Stadt“. In die untere Ecke des Bildes rollt der beheiligenscheinte Kopf eines Märtyrers. Der Henker trägt Leggins und steht in seltsamer Pose da. Auch ein Zuschauer nimmt eine ähnliche Pose ein. Die Gesten der meisten Menschen sind zierlich und überzogen wie von Schauspielern in einem schlechten Stück. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Szene authentisch ist.
  19. Dann geht es in der Zeit zurück. Schmuck und Gebrauchsgegenstände aus dem 6. und 7. Jahrhundert und früher.
  20. Ein phallusartiges Gebilde aus Gold sei vor 3000 Jahren im Raum Nürnberg die Kopfbedeckung eines bronzezeitlichen Sonnenpriesters gewesen. Aus einem Stück ist dieser Hut gearbeitet und mit mehr als 25 verschiedenen Symbolen verziert. Ich würde gerne wissen, was sie bedeutet haben. Ob man eine Geschichte aus dem Hut herauslesen könnte. Wie der Priester seine Zeremonien mit dem Hut machte. Wie man überhaupt wissen kann, dass es der Hut eines Priesters und nicht der eines Herrschers oder einer feinen Dame war. Wie man überhaupt wissen kann, dass es ein Hut war.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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