Pensées: Ein Ausflug ins Germanische Nationalmuseum 2

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  1. Durch einen Raum, der die Geschichte des Germanischen Nationalmuseums beschreibt, kommen wir wieder in die Neuzeit. Drei Rosenkranzanhänger in Form von Heiligenköpfen und Totenschädeln, aus Knochen geschnitzt, liegen in einer Vitrine. In eine elfenbeinerne Gewürzreibe aus dem 18. Jahrhundert ist ein Mann mit heruntergelassenen Hosen eingearbeitet, der gerade seine Notdurft verrichtet hat. Wer so eine Reibe benutzt hat und wofür, würde mich interessieren.
  2. In einem eigenen kleinen Raum steht der Globus von Martin Behaim. Er ist der älteste erhaltene Globus der Welt. Er sieht auch alt aus, vergilbt und verschrumpelt. Dort, wo das Papier auf die Kugel geklebt ist, haben sich Falten gebildet, die wir Gebirge aussehen. Auf dem Globus erkenne ich nicht viel. Aber in dem Raum hängen Karten, die ihn im Verhältnis zu einer modernen Weltkarte zeigen. Amerika fehlt, der Globus wurde 1492 gebaut. Keine günstige Zeit. Das Paradies ist aber eingezeichnet. Und Noahs Arche und Mohammeds Grab. Könige – in Europa auf Thronen, andernorts in Zelten. Vorkommnisse von Perlen, Edelhölzern, Gewürzen. Portugiesische Fahnen in Afrika. Und sogar ein Eisbärjäger am Nordpol.
  3. In einer Galerie sind wissenschaftliche Instrumente ausgestellt. Ein Hunderjähriger Kalender aus 1461 mit Drehscheiben für Gestirnskonstellationen. Er basiert noch auf dem geozentrischen Weltbild. Eine astronomische Weltmaschine aus 1770. Sie stellt das geozentrische und das heliozentrische Weltbild dar. Taschensonnenuhren. Astrolabien.
  4. Weiter geht es in die Räume mit Gemälden von Dürer, Cranach und ihren Zeitgenossen. Ein Bild stellt die Vorhölle dar, aus der Jesus Adam und Eva befreit, während er einen Drachen tötet und gleichzeitig ein Sparifankerl an seinem Umhang zupft.
  5. In dem Raum ist steht ein verziertes Marmorgestell, das wie ein Rahmen aussieht. Ich stelle mich dahinter und lasse mich fotografieren, als wäre ich ein Dürergemälde. Es wirkte wahrscheinlich authentischer, wenn ich nackt wäre, aber so weit möchte ich dann doch nicht gehen.
  6. Die Monatsbilder von Hans Wertinger zeigen die Tätigkeiten des Jahres: Im Herbst wird der Weizen zu Garben gebunden, die Schweine werden ins Dorf getrieben und geschlachtet, eine Frau kocht Blutsuppe, Würste werden verkauft. Auf einem Bild dreschen viele Männer den Weizen in einem großen Gebbäude und füllen die Körner in Säcke. Im Frühling wird gepflügt und gesät, beim Pflügen reitet jeweils ein Bauer auf einem der ziehenden Pferde, ein anderer Bauer hält den Pflug. Auf einem Bild wird musiziert, während die Kühe im Schlossgarten grasen. Auf einem anderen machen die vornehmen Herrschaften ein Picknick, während die Wiese um sie herum gerade von leichtbekleideten Bauern gemäht wird.
  7. Ein Bild vom gleichen Maler zeigt ein Badehaus, in dem Männer sich waschen, massiert werden, die Haare gewaschen bekommen und geschröpft werden, bis das Blut an ihren Rücken herunterrinnt. Vor dem Badehaus wird ein Hirsch geschlachtet und Frauen kaufen Fleisch.
  8. Ich schaue solche Alltagsbilder fast am liebsten an (lieber vielleicht nur noch Teufel und Dämonen) und denke mir Geschichten aus, versuche einen Einblick in das normale Leben zu bekommen, wundere mich, warum genau diese Dinge auf dem Bild sind und keine anderen, ob diese Zusammenstellung noch eine spezielle Symbolik hat, die ich aber nicht ergründen kann.
  9. Ein Gemälde von Pieter oder Jan Brueghel zeigt eine Bauernhochzeit, bei der ein Mann tanzt, in roter Hose mit einer Erektion. Auf einer Vanitasallegorie, in der nackte Tote vor Totenschädlen liegen, aus denen sich Schlangen winden. In einer Ecke hängt das Schulterblatt eines Wales mit einer Walfängerszene bemalt.
  10. Von Lucas Cranach, dem auch eine Sonderausstellung gewidmet ist, ist die Allegorie auf Gesetz und Gnade ausgestellt. Darauf verfolgen ein Skelett, das die Zunge herausstreckt und ein Teufelsschwein mit Drachenflügeln einen Mann im Lendenschurz in die Hölle jagen, wo feuerzüngelnde Teufeln auf ihn warten. Einige alte Männer in festlichen Roben schauen eher hilflos zu, einer von ihnen hält eine Gesetzestafel. Die Bildsymbolik erscheint mir weniger erbaulich, als der Titel vermuten lässt. Die Bekehrung des Saulus, auch von Cranach, erfolgte in Damaskus, das auf dem Bild wie ein kleines augsburg dargestellt ist.
  11. Mehrere Lutherbilder zeigen, wie Cranach Luther im Laufe der Zeit „geschönt“ hat, um ihn der Propaganda anzupassen. Die Cranach-Stiche erinnern mich sehr an die Dürer-Stiche, so voller Wunderdinge und Symbole.
  12. Ein Raum beschäftigt sich mit Mode. Ein Pilgermantel aus dem 16. Jahrhundert ist mit Jakobsmuscheln bestickt und sieht aus wie ein Faschingskostüm. Es gibt einen Raum mit Musikinstrumenten. Es gibt einen verwesenden Totenschädel aus Holz, in den eine Kröte hineinkriecht. Es gibt ein Gemälde von einem Wettstreit 1673 in Venedig, bei dem sich Venezianer massenweise in einen Kanal stürzen. Bewohner der östlichen und westlichen Viertel trugen diesen Wettstreit jährlich aus, steht im Beitext, aber nicht, was, auß      er ins Wasser zu springen, sie taten.
  13. Es gibt hunderte und tausende von Wunderdingen in diesem Museum. Ich könnte jede Woche dort hineingehen, mich verlaufen und verirren, nach Monaten noch neue Räume entdecken, alte Werke neu anschauen. Ich werde wieder ein bisschen schwermütig, dass es bei uns in der Nähe kein solches Museum gibt.
  14. Im Shop kaufe ich mir einen kleinen Museumsführer. Zu Hause komme ich drauf, dass ich einen beträchtlichen Teil der dort beschriebenen Ausstellungsstücke gar nicht gesehen habe. Ein andernmal vielleicht.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Pensées: Ein Ausflug ins Germanische Nationalmuseum 2

  1. lisimoosmann schreibt:

    Falls du nach Trento kommst: die Monatsbilder im Torre Aquila sind auch sehenswert. Eine sehr frühe Darstellung von Schnee in der abendländischen Malerei included. https://it.wikipedia.org/wiki/Ciclo_dei_Mesi

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, ich war vor zwei Wochen dort und war ganz begeistert (2. vorher war ich im Bounconsiglio, einmal hatte ich kein Ticket, einmal hätte ich 3 Stunden warten müssen, aber jetzt hat es geklappt.). Der Audioguide ist auch sehr super, fand ich.

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