Zenos Haufen

 

Im Podcast In our Time hörte ich neulich eine Sendung über Zenos und andere Paradoxien. Dunkel war mir einiges von der Schule in Erinnerung. Das mit Achilles und der Schildkröte habe ich damals nicht verstanden. Mir kam es auch ziemlich abgehoben, theoretisch und unanwendbar vor.

In der Sendung wurden die verschiedenen Paradoxien vorgestellt und es wurde versucht, ihre Bedeutung im Alltag zu erklären.

Ein Paradoxon, das vom Haufen, faszinierte mich besonders. Nehmen wir einen Haufen Sand. Ich weiß genau, was ein Haufen ist. Und ich weiß auch, was Einzelkörner sind. Aber welche ist die exakte Menge, bei der Körner zum Haufen werden? Sollte man einen Haufen tatsächlich definieren, könnte man dann ein Sandkorn von dem Haufen entfernen, und es wäre kein Haufen mehr? Die Frage ist naiv, natürlich bleibt es ein Haufen, war ich geneigt zu sagen. Aber stimmt das?

Bei einem Haufen Sand ist das vermutlich egal. Als Mutter fand ich, Sand ist ein Haufen, wenn Kinder damit spielen können, und wenn zu wenig Sand zum Spielen vorhanden ist, dann ist es eben kein Haufen. Aber die Kinder sind jetzt groß und spielen nicht mehr mit Sand. Und das Paradox mit dem Haufen lässt mich seit der Sendung nicht mehr los.

Täglich fallen mir Situationen und Nachrichten auf, in denen Maßnahmen gefordert werden, die voraussetzen, dass der Beginn des Haufens klar definiert ist.

Ein Beispiel ist die Diskussion über Hass im Netz. Es gibt Forderungen über das Löschen von Hasspostings im Netz (wobei „Netz“ schon ein eher undefiniertes Wort ist). Ist es wirklich klar, wann hier der Haufen erreicht ist, also die Grenze zwischen Stehenlassen und Löschen durch den Plattformprovider? NutzerInnen können (und sollen) ohnehin nach Gutdünken löschen.

Ein klar definierter Beginn eines Haufens wäre in diesem Fall das Strafgesetz. Reicht das aus? Ist es nicht schon zu spät, wenn Menschen so verletzt werden, dass Gerichte einschreiten müssen? Intuitiv würde ich sagen, man muss verhindern, dass Menschen so verletzt werden. Aber wer entscheidet sonst, was noch Meinungsfreiheit ist? Facebook? AktivistInnen? Mit welcher Legitimation? Und auf der anderen Seite des Spektrums: wo fängt Zensur an? Irgendwo ist die Grenze zwischen berechtigter Kritik, Satire und Schmähung. Zwischen Meinungsfreiheit, dem Recht auf Schutz, und Zensur.

Ein Haufen, der in mehrere Richtungen als solcher definiert werden muss.

In dieser Diskussion zeigt sich auch sehr deutlich, dass es einen großen Unterschied macht, ob man sich mit den eigenen moralischen Vorstellungen dem Haufen von der Perspektive des Körneraufschichtens oder jener des Körnerabtragens nähert. Die Grenzlinien werden signifikant unterschiedlich sein.

Ich merke das auch bei mir selbst: Am Wochenende hielten die Schauspielerinnen des Musicals Hamilton dem designierten Vizepräsidenten der USA nach der Vorstellung, die dieser als Privatperson besuchte, eine Rede über Diversity und die Sorge, diese würde durch die neue Regierung nicht mehr repräsentiert und geschützt werden. Als ich das zum ersten Mal hörte, fand ich das mutig und gut. Dann dachte ich nach: Wie hätte ich das gefunden, wenn das in einem Theater passiert wäre, das Barack Obama kritisiert hätte? Das hätte ich als unglaublichen Eingriff in die Privatsphäre und als hässliche Aktion empfunden. Aber kann und darf es einen Unterschied machen, ob die Kritisierten bzw. die Kritik meinen Moralvorstellungen eher entsprechen oder weiter entfernt sind? Oder sollte man versuchen, eher allgemeine Grundlagen zu schaffen, die dann für alle gelten? Wo wird in diesem Haufen die Grenze gesetzt?

Donald Trump sagte nach dieser Aktion, ein Theater müsse für ZuschauerInnen ein „Safe Space“ sein und wurde dafür verhöhnt. Intuitiv fand ich die Aussage aus seinem Mund auch lächerlich. Aber hat er durch sein Handeln wirklich Rechte verwirkt, für die seine GegnerInnen kämpfen? Und zwar so kämpfen, dass sie für alle gelten? Sollten diese Rechte nicht tatsächlich für alle gelten? Ab wann hat sich jemand grundsätzliche Rechte verwirkt? Gibt es eine Grenze? Oder sollte dieser Haufen abgesehen vom Strafrecht gar keine Grenze haben?

Diese Haufen, die ich jetzt überall sehe, sind nie exakt definierbar, Näherungen müssen gemacht werden. Wichtig ist, dass die Haufen als solche erkannt werden und damit auch das Paradox, das sie umgibt. Das Paradox, dass Körner eben noch kein Haufen sind. Dass, was für den Haufen gilt, für Körner eben nicht gelten muss. Dass man, wenn man Maßnahmen fordert oder Zusammenhänge erklärt, eben besonders darauf achten muss, wie man mit dem Grenzgebiet zwischen Körnern und Haufen umgeht.

Dann fällt es vielleicht leichter, zu erkennen wie komplex Probleme sind. Und dass die intuitivsten Reaktionen, die emotionalsten Erklärungen und die einfachsten Lösungen nicht immer die zielführendsten sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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