Pensées: Ein Ausflug ins Spielzeugmuseum in Nürnberg

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  1. Zu Mittag kaufen wir am Weihnachtsmarkt Drei im Weckla. Das sind drei Bratwürste in einem Wecken. Für zu Hause kaufe ich eine Dose Saure Zipfe (die sich später als unessbar herausstellen).
  2. Dann gehen wir zum Spielzeugmuseum.
  3. Im ersten Raum sind sehr alte Spielsachen ausgestellt. Eine Puppe, ein Ball und eine Nachziehtaube aus dem alten Griechenland (6. Jahrhundert BC), alle aus Stein. Puppen aus dem 14. Jahrhundert, auch aus Stein, mit großen Lockenfrisuren. Ein Tonpüppchen mit Scharnierarmen und –Beinen aus dem 2. Jahrhundert. Die war eine Grabbeigabe und ist fast so dünn wie Barbie.
  4. Aus dem 19. Jahrhundert sind Fuhrwägen und Marktstände ausgestellt, ein Klötzchenbausatz für Möbel, ein anderer für Architektur. Ein Metzgerladen steht hinter Schauspielerpuppen. Eine dieser Puppen ist ein bärtiger Mann mit Ritterhelm und einem lila Ballkleid.
  5. Ein Holzbaukasten sieht aus wie Matador, man kann ein Panorama Nürnbergs damit bauen.
  6. In einem „Lust- und Kaffeegarten“ flanieren Damen bei Herren untergehakt, Kellner bringen Erfrischungsgetränke, in Verkaufsständen werden Waren feilgeboten und ein Polizist sorgt für Ordnung. Die altmodische Sprache für diese Beschreibung drängt sich förmlich auf.
  7. Ein Spielzeugkasten steht in der Ecke, mit Spielfiguren aller Art auf mehreren Etagen.
  8. Es gibt Vitrinen mit Puppenservices, Zinnsoldaten, Kaufmannsläden, Puppenhäusern. Ein Spielaltar mit echten Kerzen und einer kleinen Monstranz. Dieses Spielzeug war für Buben gedacht, damit sie den Priesterberuf als Lebenstraum entwickelten. „Altärla“ hieß das Spiel. Auch Märklin lieferte Altargeräte aus Messing.
  9. In einer Vitrine ist eine Fronleichnamsprozession aufgestellt. In einer anderen verschiedene Tiere, ein Biedermeiergarten, Möbelwagen aus 1873, hundert Jahre alte Aufziehfiguren aus Blech.
  10. Amerikanisches Blechspielzeug aus den 30er bis 50er Jahren, Autos, Diener, die Koffer tragen, Jazzmuskier – zum Aufstellen oder zum Aufziehen. Ein Karussell mit Pferden und Flugmaschinen, einen halben Meter hoch, wahrscheinlich auch mit Musik, wenn es fährt. So etwas hätte ich gerne. Es ist eine Sonderanfertigung nach dem Vorbild des Karussells auf der Fürther Kirchweih.
  11. Ab den 20er Jahren wurden Dampfmaschinen zum beliebten Spielzeug. Man konnte die wirklich anheizen, in einem kleinen Öfchen, das miteingebaut war. Ich erinnere mich, wie Karlsson in Astrid Lindgrens Buch Lillebrors Dampfmaschine explodieren lässt. „Das stört doch keinen großen Geist.“
  12. Für Mädchen gab es zur gleichen Zeit kleine Nähmaschinen und mit dem Genähten konnte man sich „Putzläden“ einrichten.
  13. Ein Raum ist Puppen gewidmet. Nackt liegen sie in Vitrinen, mit starrem Blick, mit Glatze oder Kunsthaar, manche mit Schmerbäuchen wie Suppenhühner, tot sehen sie aus. Ich weiß wieder, warum ich Puppen nie mochte, mich insgeheim vor diesem toten Monstern gefürchtet habe.
  14. In der Zwischenkriegszeit gab es ein Spielzeug, das sich „Friedensglocke“ nannte, es wurde aus Granatenspitzen aus dem 1. Weltkrieg gefertigt. Daneben sind Automaten, die ferne Länder darstellen sollen: Rikschafahrer, Chinesische Sänftenträger, eine afrikanische Straußenkutsche. Der Boxeraufstend wird in einem Automaten dargestellt, in dem ein Mann auf einem Sprungtuch von chinesisch gekleideten Weltmächten herumgeschleudert wird. Spielzeug kann sehr politisch sein. Wenn auch in diesem Fall eher sonderbar.
  15. Zylinder-Anamorphosen (was für ein Wort!) sind in einem anderen Schaukasten ausgestellt. Der Glaszylinder steht auf einem Blatt mit einem verzerrten Bild. Dieses Bild spiegelt sich so im Zylinder, dass es unverzerrt erscheint.
  16. Daneben steht eine Laterna Magica und ein Schaukasten mit Glasstreifenbildern.
  17. Hundert Jahre alte Zauberkästen sehen so aus, als wären dort nur Holzkreisel drin.
  18. Einen Raum füllt eine Modelleisenbahn aus. Omaha ist aufgebaut, mit Fünfzigerjahre-Amischlitten am Parkplatz des Bahnhofes.
  19. In einem Kasten ein 1960er-Jahre Puppenhaus mit oranger Küche und orange-braunen Prilblumen als Schlafzimmerdeko aufgebaut. In dem Zimmer sitzen Monchichis und nuckeln am Daumen. Ach, wie habe ich mir als Kind ein Monchichi gewünscht, wie habe ich mich gefreut, als ich eines bekam.
  20. Eine Vitrine ist Spielzeug aus dem 2. Weltkrieg gewidmet – Panzer, Soldaten, Figürchen von Hitler, Göring, Goebbels und Lutze. Unkommentiert. Aber andererseits: wie sollte man kommentierten? Oder sollte man das gar nicht zeigen? Ich weiß es wirklich nicht. Ein Spiel für die Front mit 1000 Spielmöglichkeiten und ein Wehmachtsschach mit Panzern ist auch dabei.
  21. In zwei Glassäulen sind Playmobilfiguren aufgetürmt. Das sieht irgendwie gruselig aus.
  22. In der Sonderausstellung wird Spielzeug gezeigt, das im oder nach dem Krieg für Kinder gebastelt wurde. Zu jedem Ausstellungsstück gibt es eine ZeitzeugInnengeschichte. Seifenkistenautos sind dabei und Stoffpüppchen und Bauklötzchen und eine Spielzeugkiste. Das Kind hatte kein Spielzeug, um etwas hineinzutun, also wurde die Kiste selbst zu Spielzeug und Schatz. Die Kiste war eine alte Munitionskiste, bemalt mit der Silhouette der Stadt Münster. Ein gestrickter Wurstel ist auch dabei, dem man Suppe aus Zigarettenstummeln und toten Fliegen gekocht hat. Ein Pferdefuhrwerk brachte das Christkind und holte es nach einigen Wochen wieder ab, für das nächste Jahr.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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