Pensées: Ein Ausflug zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

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  1. Am letzten Tag in Nürnberg fahren wir zum Reichsparteitagsgelände.
  2. Ein bedrückender Steinklotz in einem Park. Im Sommer, so geben die Schilder und der Einführungsfilm an, ist hier ein Naherholungsgebiet. Man kann im Park laufen, auf dem Teich mit dem Boot fahren.
  3. Hier ist auch das Dokumentationszentrum mit Museum.
  4. Der Einführungsfilm legt sehr viel Wert darauf, die heutige Verwendung der Anlage zu betonen. Mir gefällt der Gedanke auch, dass ein historischer Ort, der Sinnbild für das Nazireich war, zur Erinnerungsstätte wurde, das Gelände aber gleichzeitig für normale Freizeitaktivitäten genutzt wird. Ein Reclaiming.
  5. Im Museum ist es dunkel. Das war auch im Museum des Widerstands in Besancon so. Als könnte die Geschichte des Nationalsozialismus nur im Dunklen erzählt werden.
  6. Das Urteil im Hitlerprozess, wie es in der München-Augsburger Abendzeitung getitelt wurde, ist ausgestellt.  Wahlplakate – die Sozialdemokraten plakatieren einen Nazi mit Messer. Das Reichsgesetzblatt von 1933. Aufrufe zum Boykott von jüdischen Geschäften. Plakate der Hitlerjugend.
  7. Ein Foto zeigt eine Fabrikarbeiterin, die vor hunderten von Hitlerköpfen sitzt und ihnen mit dem Pinsel den letzten Schliff gibt.
  8. Ein großer Teil des Museums widmet sich den Reichsparteitagen – Organisation, Politik, Architektur. Die Sportveranstaltungen. Die Choreographien. Die Andenkenmünzen.
  9. Ein Raum zeigt die menschlichen Aspekte des Parteitages. Berichte darüber, wie die Menschen untergebracht waren. Beschwerden über Vorkommnisse. Videos, die mit ZeitzeugInnen gemacht wurden.
  10. In einem Video erzählt ein Mann, wie er während der Reichsparteitage aufpassen musste, weil dort besonders auf den Hitlergruß geachtet wurde. Grüßte er nicht, wurde er als Jude erkannt. Grüßte er schon (was er als Jude nicht durfte), konnte er, wenn ihn jemand erkannte, in Schwierigkeiten kommen.
  11. Zwei alte Frauen erzählen kichernd und mit glänzende Augen von den Reichsparteitagen. Wie schön das war und wie sie als Mädchen gewettet haben, wer den Führer öfter sah. Dreizehnmal war der Rekord. Ich meine die Wehmut bei ihnen zu spüren, dass die Jugend und diese Zeit vorbei sind. Mir schaudert ein bisschen. Aber es wäre auch falsch, Menschen, die so denken, nicht zu zeigen.
  12. Die Verbrechen der Nationalsozialisten sind nicht plakativ dargestellt, sie sind auch nicht verschwiegen, aber man muss lesen, genau schauen. Es gibt Berichte der Wehrmacht über Erschießungen mit Details über die Logistik. „Das Ausheben der Gruben nimmt den größten Teil der Zeit in Anspruch, während  das Erschießen selbst sehr schnell geht (100 Mann in 40 Minuten).“ Und im gleichen Bericht: „Anfangs waren meine Soldaten nicht beeindruckt. Am 2. Tage jedoch machte sich schon bemerkbar, daß der eine oder andere nicht die Nerven besitzt, auf längere Zeit eine Erschießung durchzuführen.“ Juden, so steht in diesem Bericht, seien leichter zu erschießen gewesen als Zigeuner, und: man bekäme während der Erschießung „keine Seelischen Hemmungen“, die stellten sich erst ein, wenn man abends darüber nachdachte.
  13. Ein anderer Bericht beschreibt die Erschießung von 180 Mann (die vor ihrem Tod noch ein „Hoch auf Stalin“ riefen), kühl und gefasst, als wäre das etwas Alltägliches. „Die Einheiten rückten befriedigt in ihre Quartiere ab.“ Heißt es am Schluss. Bedauernd wird noch festgestellt, dass die nächste Erschießung wegen Bauarbeiten verschoben werden muss.
  14. Diese Berichte zeigen die Verbrechen und deren Ausführung vielleicht noch besser als Bilder. Ich hoffe, viele MuseumsbesucherInnen machen sich die Mühe, möglichst viel zu lesen.
  15. In einer Ecke wird der Widerstand gezeigt. Auch Abschiedsbriefe von Widerstandskämpfern.
  16. Der letzte Raum ist den Nürnberger Prozessen gewidmet. Videos, Urteile, Zeitungsberichte, Reihen über Reihen  von Filmmaterial.
  17. Wir wollen uns noch das Gelände ansehen. Zuerst gehen wir in die falsche Richtung, durch die Arkaden am Gebäude entlang. Die großen Steinquader wirken bedrohlich.
  18. Niemand sonst geht dort. In einem Torbogen werden Schilder verwahrt, die sonst wohl nur für Veranstaltungen gebraucht werden. Ein Stück Normalität.
  19. Der Weg führt nicht mehr weiter, wir drehen um und finden den richtigen Rundweg. Der führt zu dem Tümpel, schlammig und fast ausgetrocknet. Es ist der gleiche Tümpel, der in dem Video mit Booten im Sommer gezeigt wurde. Ich wundere mich, wo das Wasser hin ist. Enten laufen über den Schlamm. Es ist genau umgekehrt wie in Catcher in the Rye.
  20. Im Reichsparteitagsgebäude befindet sich auch die Nürnberger Symphonie. Noch ein Reclaiming.
  21. An verschiedenen Punkten des Rundwegs sind Schilder aufgestellt, die diese Stelle anfangs des 20. Jahrhunderts, in der Nazizeit und in der Gegenwart zeigen.
  22. Das Zeppelinfeld heißt so, weil 1909 ein Zeppelin darauf landete. Albert Speer baute dann Steintribünen, damit man die Aufmärsche beobachten konnte. Die „Führerkanzel“ war auf der Haupttribüne. In den 34 Türmchen befanden sich Klos.
  23. Auf die Haupttribüne kann man steigen. Die Steine bröckeln ab, in den Ritzen wächst Unkraut. Für ein tausendjähriges Reich wurde das nicht gebaut.
  24. Hinter dem Zeppelinfeld ist das Stadion des 1. FC Nürnberg.
  25. Um den Teich herum kommen wir zur großen Straße. Die sollte eine Paradestraße bis zur Kaiserburg werden. Tatsächlich gebaut wurden nur 1.5 km. Dahinter kommt der Volksfestplatz. Da fanden vor 1933 schon Feste und Rummel statt und heute immer noch.
  26. Unser Urlaub in Nürnberg ist vorbei. Auf der Heimfahrt kommen wir bei der Raststation Frankenhöhe vorbei. Wir kaufen Leberkässemmeln und singen Songs von den Lassie Singers.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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