Jahreswechsel

jahresende

Zu Silvester – satt und zufrieden vom letzten Fondue des Jahres und mit einem Glas Sekt in der Hand, vielleicht noch in Gedanken über das Glück, das beim Bleigießen vorhergesagt wurde, auf dem Sofa, im Warmen, gemütlich.

Beim Warten auf das Feuerwerk werden Vorsätze gemacht. Drehen die sich immer noch hauptsächlich ums Essen und Trinken? Nicht mehr so viel Fettes essen. Nur noch ein Bier am Wochenende. Höchstens ein Stückchen Schokolade am Abend. Fünf Kilo abnehmen. Wohlstandsvorsätze.

Ich mache schon lange keine Vorsätze mehr. Ich halte sie ohnehin nicht ein. Was ich aber gerne mache zu Silvester: das vergangene Jahr Revue passieren lassen. Dann komme ich darauf, dass es ein gutes Jahr war. Außer als meine kleine Tochter damals Leukämie hatte. Da wollte ich am liebsten gar nicht feiern, ich hatte nicht das Gefühl, etwas in dem Jahr feiern zu können. Da war nur Angst. Ich konnte das Gute nicht mehr sehen.

Glücklicherweise ist das aber schon lange vorbei. Jetzt jammere ich wieder über den Job und das Wetter und die Kleinigkeiten im Alltag und manchmal sogar darüber, dass alles schlechter wird. Deshalb möchte ich mir am Silvester in Erinnerung rufen, wie gut es mir geht. Leicht vergisst man das. Und wenn man es vergisst, wird man sehr leicht neidisch auf Menschen, die es viel schlechter haben.

In den Nachrichten höre ich, wie sehr gut verdienende Politiker behaupten, 2.50 € Stundenlohn sei genug für eine Stunde Arbeit, die Asylwerber verrichten. Oder sie sagen, die Mindestsicherung sei zu großzügig und man müsse sie sich erst verdienen. Dabei ist die Mindestsicherung eigentlich dafür da, Menschen, die nichts haben, vor Not zu schützen. Wer sagt, die Mindestsicherung könnte man kürzen, ist wohl in der glücklichen Situation, nie Not gekannt zu haben. Warum Menschen glauben, sie müssten anderen die Lebensgrundlage nehmen, verstehe ich nicht.

Jeden Morgen schicke ich meine Kinder in die Schule, es ist mir selbstverständlich, das ohne Angst zu machen. In Syrien, im Irak, in Nigeria ist es keineswegs selbstverständlich, dass Kinder aus der Schule zurückkommen, die Menschen leben in ständiger Angst um ihr Leben, um das Leben ihrer Kinder. Und dennoch gibt es genug Stimmen in Österreich, die diesen Menschen bei uns kein sicheres Zuhause, ihren Kindern keinen sicheren Schulweg gönnen.

„Die kommen nur, damit sie es bei uns gut haben“, sagen Politiker, steht in der Zeitung, hört man im Fernsehen. Das kann nur jemand sagen, der nicht versteht, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was wir unter „Es-gut-Haben“ verstehen, und dem blanken Überleben. „Es-gut-Haben“ bedeutet für Flüchtende, in Kauf zu nehmen, auf der Reise zu sterben, weil sie zu Hause ziemlich sicher sterben werden. Nicht, dass sie sich Sekt zu Silvester gönnen können.

Wenn ich nun zu Silvester mit meinem Sekt dasitze und darüber nachdenke, wie gut es mir geht, mache ich das, um mich daran zu erinnern, dass mein Glück nicht selbstverständlich ist. Es ist nicht selbstverständlich, einen Job zu haben und nicht jeden Tag auf Arbeit hoffen zu müssen, während ich nur untätig warten kann. Es ist nicht selbstverständlich, in die Stadt, in den Nachbarort, ins Nachbarland sicher fahren zu können, wann ich will, und nicht Angst haben zu müssen, dabei beschimpft, eingesperrt oder sogar erschossen zu werden. Es ist nicht selbstverständlich, mir Essen, Kleidung und Geschenke für die Kinder kaufen zu können.

Hätte ich dieses Glück nicht, oder würde ich es durch widrige Umstände verlieren, wäre ich froh um jede Hilfe, um jedes nette Wort. Ich wäre auch froh, wenn ich nicht um diese Hilfe betteln müsste, wenn ich mich nicht beschimpfen lassen müsste, weil ich gezwungen bin, sie in Anspruch zu nehmen. Wenn mir andere die Chance geben, wieder auf die Beine zu kommen, ohne zu meinen, ich hätte nur schlechte Motive.

Ich möchte mich zu Silvester daran erinnern, dass mein Wohlstand und jener der Menschen hier in Österreich ausreicht, um anderen zu helfen, die es weniger gut haben, ihnen Sicherheit zu geben. Egal ob sie hier geboren sind oder nicht. Egal warum es ihnen im Moment nicht gut geht. Ich möchte nicht eine von jenen werden, die aus ihrer sicheren Position heraus anderen auch nur das Nötigste missgönnen.

Vielleicht mache ich in diesem Jahr eine Ausnahme und mache aus diesem Wunsch einen Silvestervorsatz. Und den werde ganz leicht einhalten, weil ich nicht einmal weniger essen muss dafür.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Jahreswechsel

  1. Hofmann schreibt:

    Mir ist jetzt gerade wieder eine Weihnachtsgeschichte eingefallen, welche ich 1998 gelesen hatte. Ich erzähle sie frei nach, da ich den Autor nicht kenne.
    „Licht in unserer Wehnacht.
    Es ist der letzte Tag vor den Weihnachtsferien und der Lehrer gibt die Klassenarbeit zurück. Hie und da gibt es Kommentare dazu, es ist aber alles entspannt. Dann hat er nur noch die Arbeit von Mandred in der Hand. ‚Was hat wohl Mandred geschrieben ‚, fragte er. Er dreht sich zur Tafel und schreibt :
    We hnacht
    Die Schülerinnen und Schüler lachten. Das gemurmel in der Klasse war groß. Plötzlich hakte der Lehrer ein und sagte : ‚Der Mandred hat ganz Recht. Als ich gestern über den Weihnachtsmarkt ging, habe ich viele Menschen mit Sorgen im Gesicht gesehen. Hier war das Kind schwer krank, da war der Ehepartner kürzlich verstorben und dort hatte es zum Jahresende die Kündigung der Arbeit gegeben. Ist das nicht wirklich eine Wehnacht?? ‚
    Die Klasse war still geworden. Eine Schülerin bemerkte : ‚Terror und Krieg ist auch noch da. Ich habe Angst. ‚
    ‚Warum feiern wir denn eigentlich Weihnachten? ‚, fragte ein Schüler.
    Jetzt war es ganz still in der Klasse.
    Der Lehrer drehte sich zur Tafel und ergänzte das Wort ‚We hnacht‘ mit einer Kerze als i.
    ‚Das war das einzige, was mir dazu eingefallen ist ‚, sagte der Lehrer.
    Mandred hatte Tränen in den Augen und stellte fest : ‚Jetzt habe ich es verstanden.
    Die Weihnacht bringt Licht in unsere Wehnacht. ‚ “

    Ich wünsche allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und viel Gesundheit für das neue Jahr.
    vGadV
    Jürgen

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