Pensées: Ein Ausflug nach Dada

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  1. Wir fahren nach Zürich, im Nationalmuseum ist eine Dada-Ausstellung.
  2. Obwohl ich schon oft Zürich war, bin ich noch nie in diesem Museum gewesen. Museen haben mich früher nicht interessiert, heute kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen.
  3. Zur Einstimmung für den Besuch habe ich das Buch Dada von Friedrich Glauser bekommen. Vor langer Zeit habe ich die Krimis mit Wachtmeister Studer gelesen, erinnere mich aber nicht mehr genau.
  4. Im Buch beschreibt Glauser sein Leben, seine Freundschaft mit Tristan Tzara und anderen Dada-KünstlerInnen, seiner Morphiumsucht.
  5. Dort steht auch: „Erst wenn man versucht, vor fremden Augen Menschen lebendig zu machen, die man gekannt hat, merkt man, wie schwierig das ist. Wenn man sie wahrheitsgetreu schildern will, merkt man, dass dieses „wahrheitsgetreu“ nur eine Illusion mehr ist. Die Menschen, die ich wie sonderbare Insekten mit Hilfe spitzer Worte aufs Papier spieße, können sich gegen diese Behandlung nicht wehren.“
  6. Das ist mir auch aufgefallen, als ich über das Leben meiner Mutter schrieb. Vielleicht wird deshalb das Buch nie fertig.
  7. Wir parken beim Bahnhof. Das Museum ist nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt. In einem altmodischen Haus mit Türmen.
  8. So früh sind wir losgefahren, dass wir warten müssen, bis das Museum öffnet.
  9. Die Dada-Ausstellung ist in einem einzelnen dunklen Raum. An den Wänden sind Tafeln angebracht, auf die man mit weißen Kreiden kritzeln kann. Bilder sind auf der Tafel, Obszönitäten, Namen, Sätze, die mit Dada zu tun haben.
  10. Ein Satz lautet: „Zürich ist in ein Korsett des Unglücks geschnürt.“ Diesen Satz hat keine Besucherin an die Tafel geschrieben, er stammt von Tristan Tzara.
  11. Der Raum ist voller Schaukästen, die Kinder flattern dazwischen herum, nicht sonderlich interessiert.
  12. Die Kästen zeigen verschiedene Aspekte, Einflüsse, Kunstwerke von Dada. Alle Erklärungen sind viersprachig.
  13. Es fällt mir schwer, einen Erzählfaden zu finden, eine Ordnung, ein Konzept. Ich flattere auch von Kasten zu Kasten, gebe mir Mühe, etwas über Dada zu erfahren, es gelingt mir nicht wirklich.
  14. Duchamps Fahrrad-Rad ist da und sein Urinal, Sophie Täuber-Arps Tanzkostüme. Dazwischen eine uralte Jesusstatue auf einem Esel, afrikanische Masken, alte Töpferwaren, Buchillustrationen aus dem 19. Jahrhundert. Als Einflüsse, weil nichts aus dem Nichts kommt.
  15. An die Wand projiziert werden Videos, ein Mensch wälzt sich nackt oder fast nackt in etwas, das wie Rasierschaum aussieht. Die Kinder finden das sehr verstörend. Die finden sonst in Museen nichts verstörend.
  16. Zeitschriften sind so ausgestellt wie Dada-Kunstwerke. Der blutige Ernst heißt eine Satirezeitschrift.
  17. Eine Collage von Tristan Tzara zeigt einen Kopf und in dessen Gehirn lauter Bilder, die darin vorgehen. Ich würde mir gerne so eine Gehirnkarte von mir erstellen, einfach so aus Spaß. Was wo in meinem Gehirn vorgeht und wie das aussehen könnte. Aber das wäre wohl mehr Arbeit und Vorstellungsgabe, als ich in so ein Projekt investieren wollte.
  18. Und langsam wird mir klar, dass ein stringentes, vorgekautes, erklärendes Konzept Dada niemals beschreiben könnte. Dass die Ausstellung eine vage Ahnung von Dada vermittelt und in mir Neugier macht, mehr darüber zu erfahren.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Pensées: Ein Ausflug nach Dada

  1. peter schreibt:

    Ich finde Dada als zerstörerische Kraft, die den behäbigen Betrieb kritisiert, interessant. Aber Kunstwerke von bleibendem Wert hat er? (sie? es?) wohl kaum hinterlassen. Wie siehst du das?

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