Pensées: ein Ausflug ins Landesmuseum Zürich

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  1. Im Landesmuseum Zürich schauen wir uns auch noch die permanente Ausstellung an. Die Kinder sind nicht begeistert, sie wollen ins FIFA-Museum. Wir versuchen, schnell zu machen.
  2. Es ist immer komisch, mit den Kindern im Museum zu sein, ich kann die Sorge, sie in irgendwelchen Gängen zu verlieren, nicht abschütteln, konzentriere mich weniger auf die Ausstellungstücke.
  3. In einem Glaskasten ist die Schlacht bei Murten 1476 gegen Karl den Kühnen mit 40.000 Zinnsoldaten aufgebaut. Das sieht beeindruckend aus.
  4. Auf dem Beitext steht: 10.000 Männer aus Karls Armee starben bei dieser Schlacht. Es steht nicht, wie viele Schweizer starben. Es steht aber so da, als wäre es selbstverständlich etwas Gutes, wenn möglichst viele Gegner sterben. Das ist mir schon oft aufgefallen in Museen, die von Kriegen erzählen: Wie selbstverständlich und unhinterfragt Kriegspropaganda-Elemente übernommen werden.
  5. Eine Schweizer Fahne, auf der in goldenen Buchstaben „Für Vaterland und Ehre“ eingestickt ist, hängt hinter Glas. Diese Worte haben einen hässlich nationalistischen Klang. Erst 1815 wurde das weiße Kreuz zur Schweizer Fahne, erst 1841 von allen Schweizer Truppen als Feldzeichen verwendet, steht im Beitext. Davor gab es eine grün-gelb-rote Fahne. Ich weiß nicht genau, warum ich dachte, das weiße Kreuz gab es schon immer in der heutigen Form.
  6. Die Bundesverfassung von 1848 hängt auch gleich in der Nähe. „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ steht darauf. Auch in der Deutschen Verfassung steht Gott, in der Österreichischen nicht.
  7. Ein wenig weiter hängt eine Gewerkschaftsfahne. „Proletarier aller Länder vereinigt euch.“ Der Bogen über das Ideologiespektrum wäre gespannt. Das zeigt auch die Vielschichtigkeit von Gesellschaften, die auch ich allzu gerne auf ein oder zwei Eckpunkte reduziere.
  8. Das Frauenwahlrecht ist auch ein Thema. In der Schweiz gibt es das seit 1971. Briefmarken, auf denen ein Mann einer Frau den Mund zuhält (für das Stimmrecht), ein Plakat mit einem Schnuller, auf dem eine Fliege sitzt (gegen das Stimmrecht), sind ausgestellt. Über 20 Mal wurde in den Kantonen zwischen 1919 und 1959 das Frauenstimmrecht verworfen.
  9. In einem Raum sind Schweizer Produkte ausgestellt. Alte Dosen von Suchard-Kakao, ein Sammelbuch von Tobler, in denen ein weißgekleideter Engel vor Sehenswürdigkeiten steht. Medikamentenpakete. Alt, aber nicht alt genug, um wirklich für mich interessant zu sein. Bunte Farbstoffetiketten, die „sich an ausländische Kunden“ richten.
  10. An die Wand geschrieben ist das Eidgenössische Fabrikgesetz von 1877. „Frauenspersonen“ dürfen dort nicht nachts oder sonntags arbeiten. Kinder unter 14 Jahren dürfen nicht in einer Fabrik arbeiten.
  11. Kleider und Schuhe sind im nächsten Raum ausgestellt. Ein ganzer Kasten voller Schuhe. Aus Glas und vor einem Spiegel. Das sieht eher wie ein Kunstwerk aus. Ein Kunstwerk mit dem Schuhwerk toter Schuhträgerinnen. Ich fange schon an, Geschichten dieser Schuhträgerinnen zu erfinden, doch die Kinder ziehen mich weiter. Hinter den Schuhen spiegeln sich Kleider.
  12. Dann sind goldene Ritter und Steinreliefs ausgestellt. Und ein Bild mit Märtyrern, die auf Dornen aufgespießt wurden. Ich verliere langsam den Faden in diesem Museum, die Genres wechseln, ich gehe in der Zeit zurück. Aber das macht mir nichts. Ich schaue gerne auch vermeintliches Durcheinander (das bei weitem keines sein muss, nur weil ich es nicht verstehe, oder irgendwo falsch herumtaumle).
  13. In einem gläsernen, rot ausgekleidetem Kasten, der sehr modern wirkt und in dessen Glas- und Spiegelfragmenten sich die Umgebung spiegelt, ist eine silbern und goldene Sandale ausgestellt, in dem sich ein Knochenfragment eines Kindes vom Kindermord in Betlehem befindet (1450). Mir schaudert ein wenig, aber ich finde solche Reliquien sehr interessant. Wo sie wohl herkommen, wer sie verkaufte – ein gläubiger Mensch? Ein Schwindler? – wie sie ausgestattet sind.
  14. Der St. Galler Globus, um den sich Zürich und St. Gallen  seit langer Zeit streiten, steht neben einem Spiegel mit Totenschädel. In einer Vitrine steht der Bürgi-Globus. Sehr klein, ganz aus Gold. Ich würde mir gerne den Film über die beiden Globen ansehen, aber die Kinder verlieren endgültig die Geduld mit mir.
  15. Im Shop kaufe ich mir ein Büchlein über den Globus.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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