Pensées: In St. Gallen

globus

  1. Ich war schon oft in St. Gallen. Es liegt nur etwa eine halbe Stunde entfernt und bietet sich geradezu für einen Kurzausflug an.
  2. Zum Shoppen.
  3. Bisher habe ich nicht so auf die Häuser geachtet, auch das Museum besuchte ich nicht. Warum das so war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil man dazu neigt, das Nahegelegene weniger zu schätzen, als jene Orte, an die man nur selten gelangt.
  4. Aber diesmal fahren wir mit den Kindern und meiner Mutter nach St. Gallen und besichtigen Kirchen und die Stiftsbibliothek.
  5. Im Barocksaal der Stiftsbibliothek müssen wir Filzpantoffeln anziehen. Den Kindern gefällt das, sie spielen Eislaufen.
  6. Die Deckengemälde des Saales und jene der Stiftskirche lassen eine Vorliebe erahnen für aufbrechende Himmel, aus denen sich Engel und Heilige ergießen.
  7. Der älteste erhaltene Globus, der Himmel und Erde darstellt, ist im Barocksaal dargestellt. Er sieht beinahe modern aus, zumindest auf der Seite, auf der Europa und Afrika dargestellt sind. Amerika und Ostasien waren Ende des 16. Jahrhunderts noch nicht besonders exakt kartographiert.
  8. Über die Kontinente zieht sich ein Netz von Sternen, die mit Namen beschriftet sind. Das ist die Himmelskarte. In den Meeren tummeln sich Seeungeheuer, ich weiß nicht genau, welche davon auch Sternbilder sind.
  9. Auf dem amerikanischen Kontinent grillen Menschenfresser gerade Körperteile. Im Meer vor Indonesien schwimmen nackte Frauen.
  10. Auf den Achsen, an denen die Weltkugel befestigt ist, sind berühmte Wissenschafter und Philosophen dargestellt.
  11. Tausend interessante Details gibt es auf dem Globus zu sehen. Da ich nicht so lange schauen kann, weil die Kinder sonst nervös werden, beschließe ich, mir ein Buch über den Globus im Museumshop zu kaufen. Leider gibt es nur eines über den Streit um den Globus zwischen Zürich und St. Gallen, keines mit einer genauen Beschreibung.
  12. Eine Ausstellung im Saal zeigt, wie früher Handschriften gemacht wurden und wie man Papier, bzw. Pergament herstellte.
  13. Mönche schrieben in ihre Handschriften mehrseitige Flüche, die Diebe abhalten sollten, das Buch zu stehlen.
  14. Wurde eine Buchseite aus Pergament beschädigt, nähte man ein Stückchen Pergament mit Nadel und Faden ein. Wie einen Hosenflicken.
  15. Pergament war sehr teuer, manche Handschriften waren so winzig beschrieben, dass man sie nur mit Lupe lesen könnte. Andere, die nicht mehr aktuell und etwas ausgebleicht waren, wurden einfach überschrieben.
  16. Ein Palimpsest ist das.                                                  IMG_7141 
  17. In der Mitte des Saales ist eine der drei ältesten Handschriften des Nibelungenliedes ausgestellt. Aus dem 13. Jahrhundert.
  18. Ein Bucheinband aus Gold, Edelsteinen und Elfenbeischnitzereien ist über 1000 Jahre alt.
  19. In der hintersten Ecke der Bibliothek liegt eine Mumie. Aufgebahrt wie Schneewittchen in einem Glassarg. Völlig unmotiviert, wie mir scheint. Die Kinder schaudern wohlig bei dem Anblick.
  20. In der Stadt, noch unter dem Eindruck der vielen Kuriositäten der Bibliothek, schaue ich mir die Häuser genauer an.
  21. In vielen Wappen sieht man einen Bären, der einen Baumstamm schleppt. Der Legende nach soll ein Bär dem Hl. Gallus beim Aufbau der ersten Siedlung geholfen haben.
  22. Im Wappen des Kantons St Gallen ist ein Liktorenbündel abgebildet. Ich assoziiere das mit Faschismus. Es kommt aber als römisches Symbol häufig in Emblemen vor: Beim US-Senat, der spanischen Guardia Civil, im Hoheitszeichen Frankreichs, oder im Wappen Kameruns.
  23. St. Gallen muss einmal einen Wettstreit um den schönsten Erker gehabt haben.
  24. Bemalte Erker, Erker aus Holz, Erker mit aufwändigsten Verzierungen, die vermutlich die Geschichte des Hauses beschreiben sollen.
  25. Die merkwürdigsten: Ein Erker mit einer Weltkugel, der von zwei Männern mit Turban getragen wird. Ein mit Obst verzierter Holzerker, auf dem bärtige Männer mit runden Brüsten dargestellt sind. Ein Holzerker, der über und über mit chinesischen (?) Drachen und Monstern verziert ist. Ein Steinerker, der die Kontinente darstellt, jeden mit einer Kutsche. Das asiatische Zugtier hat einen langen Hals, aber Giraffe kann es nicht sein. Ein Erker, auf dem nackte Engelchen auf Schwänen reiten.
  26. St. Gallen ist eine Stadt voller kleiner Wunder. Wie ich das bis jetzt nicht bemerken konnte, ist mir unverständlich.
  27. Aber besser jetzt als nie.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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